2000 Jahre deutscher
Freiheitskampf
Geschichte der Teutschen
Pockh Güldener Denckring 6. Theil 1727
(Die Schreibweise von 1727 wurde der besseren
Lesbarkeit wegen an heutige Rechtschreibung angepaßt, ohne jedoch der
Originalität der Ausdrucksweise allzu viel Gewalt anzutun. Wer aus historischem
Interesse einen Abzug in der ursprünglichen Rechtschreibung haben möchte, der
kann diesen beim Wilhelm Kammeier Verein anfordern.)
Wir haben bisher die Geschichten der Teutschen in
diesem unsern güldenen Denckring noch niemals unter einem besonderen Titel
beschrieben, und auch sonst überhaupt von ihnen unter den Geschichten anderer
Reiche, Länder und Völker ebenfalls gar wenig angeführt, außer was wir bei
Abhandlung der Römischen Geschichten, von denen zu Zeiten des Römischen
Bürgermeisters C. Marii von den Cimbris und Teutonibus in
Gallien und Italien angestellten und vorgenommenen Migrationen und Einfällen,
desgleichen von den Kriegen, welche C. Julius Caesar mit denen zu nächst
über dem Rhein wohnenden Teutschen Völkern geführt, erwähnt haben. Die Ursache
dessen aber rührt nicht eben daher, daß die Teutsche in alten Zeiten immerzu
auf der faulen Bären-Haut gelegen, und außer berührtem nichts merkwürdiges
verrichtet haben sollten; sondern weil man von ihren Geschichten vor Christi
Geburt deswegen wenig oder nichts weiß, teils weil sie selbige selbst, als des
Lesens und Schreibens unerfahren, in Schriften nicht abfassen lassen können,
und teils weil auch andere auswärtige Historici, zumal aber von Griechen
und Römern, sich keine Mühe gegeben haben, solches in ihrem Rahmen zu tun,
entweder weil sie von ihren Begebenheiten und verrichteten Taten gar keine,
oder doch keine genügende Nachricht gehabt, oder solches auch deswegen
unterlassen haben, weil sie die Teutsche insgemein nur für Barbaren gehalten.
Und wiewohl hingegen einige unter den neueren Scribenten nachmals dies
und jenes von den Königen, welche die Teutsche in alten Zeiten gehabt haben
sollen, und von deren merkwürdigsten Verrichtungen zusammengesammelt und in
Schriften verfaßt haben; so hat man doch von jenen auch keine rechte Gewißheit,
und da von diesen weiter das meiste ebenfalls bloß auf lauter Fabeln und
Mährlein ankommt, so haben wir eben deswegen von beiden bisher auch nichts
gedenken wollen. (D.h. wir, die Deutschen, haben von unserer Geschichte
keine eigenen Aufzeichnungen)
Was aber inzwischen die Teutsche nachmals, nach
Christi Geburt und absonderlich im ersten Jahrhundert nach selbiger, hier und
da denkwürdiges verrichtet haben, davon soll nur hier mehreres folgen, soweit
man nämlich bei den alten Römischen und Griechischen Geschicht-Schreibern
hievon etwas aufgezeichnet antrifft, und so gut ihnen solches, zumal aber den
ersteren, ihre Parteilichkeit, die sie öfters, als Feinde der Teutschen, in
verschiedenen Fällen gar merklich von sich spüren lassen, ihren Schriften
einzuverleiben zugelassen. (D.h., alle Kenntnisse über die Deutschen im
ersten Jahrhundert nach der Zeitenwende kommen von ihren Feinden, den Römern
und Griechen).
Alles aber besteht in nachfolgenden:
A.C. 6 Sandte der Kaiser Augustus seinen Stief-Sohn Tiberium
der Ursache wegen mit einer mächtigen Armee in Teutschland, weil ungefähr drei
Jahre zuvor verschiedene allda wohnende Völker die Waffen wider die Römer
ergriffen hatten. Derselbe, als er mit seiner Armee über den Rhein gesetzt,
bezwang zwar auch nachmals die zwischen diesem Strom und der Weser wohnenden Caninesater,
Bructerer und Angrivarier, und desgleichen mußten sich auch die den
Römern schon einmal untertänig gewesenen Cheuscer ebenfalls wieder an
ihn ergeben. Als er aber hierauf auch die Weser passiert, und das jenseits
dieses Flusses gelegene Land eine Zeit lang allenthalben mit Feuer und Schwert
verheeren lassen, mußte er sich zuletzt wegen des einbrechenden Winters wieder
nach dem Rhein und in Gallien zurückziehen.1
A.C. 7 Unternahm hierauf Tiberius abermals eine
Expedition in Teutschland. Allein wiewohl es ihm anfänglich hierbei auch
insofern glückte, daß er die Chaucer und Longobarder überwinden
und dieselbe sogar über die Elbe zurücktreiben konnte; so unterstand er sich
doch nicht, diesen Fluß selbst zu passieren, weil die damals über demselben
wohnenden Suevi, oder heutige Schwaben, sich längs dessen Ufern mit ihrer
ganzen Macht postiert hatten und Mine machten, ihn wohl zu empfangen, im Fall
er dergleichen zu tun sich erkühnen würde. Er ging also bei solchen Umständen wieder
nach dem Rhein zurück, und wie ihm die Teutsche hingegen bei diesem seinem
Marsch auch meist immerzu auf dem Fuß nachfolgten, so setzte es unterweilen
zwischen ihm und denselben auch ziemlich blutige Scharmützel, ehe er gedachten
Strom erreichen und seine Armee über selbigem in die Winter-Quartiere verlegen
konnte.2
A.C. 8 Wollte hierauf Tiberius zwar auch die
jenseits der Elbe in Bojohemia, oder in dem heutigen Königreich Böhmen
wohnende Marcomannen mit Krieg angreifen. Allein wie deren König Maraboduus
bereits zuvor mit den Pannoniern und Dalmatiern wider die Römer ein Bündnis
geschlossen und diese zufolge der unter ihnen genommenen Abrede sich hierauf
anstellten, als ob selbst sie einen Einfall in Italien wagen wollten, so wurden
dem Tiberio seine gemachten Concepte hierdurch dergestalt
verrückt, daß er die Marcomannen fahren lassen und hingegen seine Waffen gegen
die Pannonier und Dalmatier wenden mußte.3
A.C. 11 Versetzten hierauf die zwischen dem Rhein
und der Elbe wohnenden Teutschen den Römern einen solchen Streich, dergleichen
sie bisher nicht viel erlitten, seitdem ihre Monarchie bestand. Es hatten
nämlich die Römischen Befehlshaber in Teutschland eine Zeit her die Einwohner
allda dergestalt übel und sclavisch traktiert, daß diese, denen solches etwas
Unerträgliches war, deswegen bereits noch im vorigen Jahr hier und da zu einem
Aufstand geschritten waren. Der Kaiser Augustus, als er hiervon die ihm
gar nicht angenehme Nachricht erhalten, hatte zwar auch hierauf den bisherigen
Syrischen Stadthalter Quintilium Varum sogleich mit einigen Legionen
dahin geschickt, um die Aufgestandenen zur Niederlegung der Waffen zu vermögen,
und sie wieder zu vorigem Gehorsam zu bringen. Allein wiewohl die Teutsche sich
auch gar bald dazu bequemten, so ließen sie sich solches nachmals doch auch
sofort wieder gereuen, als sie sehen und empfinden mußten, daß Varus in
allem in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten begann, ja sie in diesen Stücken
auch noch weit ärger und härter, als jene getan hatten, zu traktieren anfing,
daß er ihnen in allem als Leibeigenen Knechten zu befehlen sich unterstand,
große Contributionen unter ihnen, als ob sie allzumal der Römer
Untertanen wären, auszuschreiben sich erkühnte, und sie überdies auch dazu
zwingen wollte, daß sie sich bei allen Vorfallenheiten nach den Römischen
Gesetzen von ihm richten lassen sollten.
Im Anfang zwar gaben sie ihren hierüber gefaßten
Widerwillen auch nicht sogleich öffentlich an den Tag, weil Varus mit
einer gar zu starken Macht in der Gegend des Rhein-Stroms stand, und ihnen auch
sonst die Römer allenthalben auf dem Nacken saßen. Als aber Varus nachmals
sich von ihnen durch das Versprechen, daß sie in allem seinen Befehlen gehorchen
wollten, bereden ließe, daß er nicht nur mit seinen unterhabenden Legionen von
dem Rhein weg und tiefer in Teutschland hinein bis an die Weser rückte, sondern
die Legionen hierauf auch allenthalben von dort aus im ganzen Land verteilen
ließ, weil sich die Teutsche, um ihn desto sicherer zu machen, nicht anders
anstellten, als ob sie seine besten Freunde wären; kriegten sie hierdurch
allgemach eine gar bequeme Gelegenheit, ihr Vorhaben gegen ihn auszuführen:
Denn wie inzwischen der tapfere Cheruscische Fürst Arminius, dessen
Vater Sigimerus ehedem ebenfalls über die Cheruscer geherrscht
hatte, weder Zeit noch Mühe gespart, die Teutsche unter der Hand aufzumuntern,
daß sie gegen die Römer, als die Unterdrücker ihrer Freiheit, die Waffen
ergreifen, und sich durch einen kühnen Entschluß von deren Joch loszumachen
trachten sollten; so ließen sich die Cheruscer und andere Völker von
ihren Benachbarten hierdurch auch gar bald von ihm bereden, daß sie sich mit
ihm heimlich wider die Römer zusammen verbanden, und hierzu zugleich auch einen
gewissen Tag bestimmten, an welchem sie dieselbe unter seiner Aufführung
überfallen, und ihnen auf solche Weise den Weg mit blutigen Köpfen wieder zum
Lande hinaus weisen wollten. Dem Quintilio Varo wurde zwar auch nachmals
dieser ganze Anschlag noch zu rechter Zeit, und ehe er wirklich in das Werk
gesetzt werden konnte, von einem anderen Cheruscischen Fürsten namens Segestes
mit allen seinen Umständen entdeckt4.
Allein, wie er solcher Anzeige teils gar keinen
Glauben beimaß, teils aber sich auch allzuviel auf seine Macht verließ; so
kriegten eben hierdurch auch die Teutsche Zeit, daß sie zu seinem und der
Seinigen größtem Entsetzen ihm den Glauben recht nachdrücklich in die Hand
geben konnten: Denn wie er sich dessen am allerwenigsten versah, und am
sichersten zu sein vermeinte, so fingen einige etwas weit entlegene Teutschen
ganz unvermutet ein Lärmen an; und wie er hierauf, um solchen Tumult zu
stillen, auch mit seiner unterhabenden ganzen Armee auf sie losgehen wollte; so
wurde er darüber von dem tapferen Arminio und seinen Teutschen in dem Teutoburgischen
Wald, und zwischen den beiden Flüssen Amisia und Luppia, oder,
wie einige neuere Scribenten sagen, auf dem sogenannten Wintfeld,
Westphalen, und zwischen den heutigen Städten Paderborn, Detmold und Horn,
dermaßen plötzlich überfallen und so entsetzlich geschlagen, daß, weil sich
seine Truppen wegen des dicken Waldes und der tiefen Moräste und Pfützen,
worein sie geraten waren, gegen die sie aller Orten angreifenden Teutsche nicht
recht wehren konnten, ihrer darüber, außer den Auxiliar5-Völkern,
drei ganze Legionen völlig in die Pfanne gehauen, und nebst der ganzen Bagage
auch zwei Römische Adler erobert, er selbst aber ebenmäßig hierdurch zu einer
solchen Verzweiflung gebracht wurde, daß, weil er nicht lebendig in der
siegenden Teutschen Hände fallen wollen, er sich deswegen selbst mit seinem
eigenen Schwert entleibt.6
Im Kapitel „Römische Geschichte“ berichtet
Pockh über die Reaktion des Kaisers Augusto auf diese schmachvollen Ereignisse:
Und wie die Zeitung (=Nachricht) hievon nachmals
auch vor den Augustum gekommen, so soll er sich darüber ebenmäßig
dermaßen entsetzt haben, daß er vor Unmuth, Forcht und Schröcken allerhand ihm
gar unanständige Schwachheiten begangen haben solle: Denn außer dem, daß er
gleich in der ersten Hitze vor Zorn seine Kleider zerrissen, und sich Haar und
Bart ausgerauft, nachmals aber sich dieselbe vor allzugrosser Betrübnis auch
lange Zeit nicht abnehmen lassen, und hingegen als ein Wahnsinniger in seinem
Palast dergestalt herumgelaufen sein soll, daß er darüber vor Schmerzen und
Ungeduld den Kopf zum öfteren an die Wände gestoßen, und dabei die verlorenen
Legionen von dem Varo mit den Worten gefordert: Quintili Vare, redde
legiones, d.i. Quintili Vare, gib mir meine Legionen wieder...
In einem anderen alten Geschichtswerk namens
„Chronologisch-Geographische Tabellen vom Anfang der Welt bis auf das jetzt
lauffende Jahr“ von 1736 wird die Reaktion vom römischen Kaiser so geschildert: „Als die Zeitung von diesem
Verlust nach Rom gelangte, geriet Augustus darüber in so große Bekümmernis, daß
er seine Kleider zerriß, den Kopf wider die Mauer stieß und einige Monat lang
ausrief: Vare, redde mihi legiones meas! das ist: gib mir meine Soldaten
wieder, die du auf die Teutsche Schlacht-Bank geliefert hast.“
Beim Autor dieses Tabellenwerkes fand die Schlacht
im Jahre A.C. 10 statt, während sie ja im Güldenen Denckring dem Jahr A.C. 11
zugeordnet ist. Das soll uns Teutsche von heute aber nicht anfechten. Ob
Arminius oder Hermann, ob vor 2.000 Jahren oder aufgrund gefälschter
Chronologien vor nur 1.000 Jahren, ja es ist im Grunde noch nicht einmal
erforderlich, daß die Geschichte tatsächlich so stattgefunden hat –
im Widerstand gegen Besatzungsmächte
militärischer, wirtschaftlicher, kultureller oder geistiger Ausprägung bleibt
er für uns Heutige ein Vorbild!
1
Von Pockh angegebene Quelle: Vellejus
2
Quelle: Vellejus, Dio Cassius
3
Vellejus, Tacitus
4
Heute würde man wohl sagen, daß der Verräter Segestes „im Widerstand“ war...
5
=Hilfs-Völker
6 Quelle: Vellejus, Dio Cassius, Florus