Geist der Globalisierung

B. Ullrich

So ist ein Artikel im „Unternehmermagazin“ der Ausgabe 9-2007 über­schrieben. Der Autor, Professor Dr. Henning Klodt, ist Direktor am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er stellt fest:

„Die Globalisierung ist keineswegs zu Ende. Manche Indizien deuten sogar darauf hin, daß der viel größere Teil des Anpassungswegs noch vor uns liegt.“ Da aber erst mal festgelegt werden muß, was „Globalisierung“ überhaupt be­deutet oder beinhaltet, beschreibt er als „ökonomische Definition“ den Globalisierungsprozeß als „eine vierfache Zunahme von Mobilität“ wie folgt:

1.     die Mobilität von Gütern

2.     die Mobilität von Investoren

3.     die Mobilität technischen Wissens

4.     die Mobilität von Arbeitskräften

Das erinnert doch sehr an die im Heft 7-8.2007 im Artikel „Der letzte Akt“1 ge­brachten Auszüge aus dem Buch „Des Pentagon Neue Landkarte: Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert“ von Thomas P.M. Barnett. Barnett definiert Globalisierung als

„Zustand gegenseitig gesicherter Abhängigkeit. Um seine Wirtschaft und Gesellschaft zu globalisieren, muß man in Kauf nehmen, daß fortan die eigene Zukunft vorrangig von der Außenwelt beeinflußt und umgestaltet wird, die eigenen Traditionen in Vergessenheit geraten. Man wird in Kauf nehmen müssen, daß importierte Waren und Erzeugnisse den Inlandsmarkt überfluten und die eigenen Erzeuger in diesem Konkurrenzkampf sich entweder durchsetzen, oder verschwinden werden.“

Auch Wirtschaftsdarwinist Barnett führt 4 Punkte auf, die er jedoch nicht Mo­bilität nennt, sondern Flows:

"Die Neuen Spielregeln werden nicht mehr von Staaten festgelegt, sondern von der Globalisierung vorgegeben" ..."Nur die Globalisierung kann Frie­den und Ausgewogenheit in der Welt herbeiführen. Als Voraussetzung für ihr reibungsloses Funktionieren, müssen vier dauerhafte und ungehinderte 'Flows' (Ströme, Flüsse) gewährleistet sein:

1.     Der ungehinderte Strom von Einwanderern

2.     Der ungehinderte Strom von Erdöl, Erdgas und allen anderen Roh­stoffen

3.     Das Hereinströmen von Krediten und Investitionen, das Herausströ­men von Profiten

4.     Der ungehinderte Strom amerikanischer Sicherheitskräfte (export of US-security services to regional markets)

Der Punkt 4 – ungehinderte Mobilität von US-Sicherheitskräften – würde sich wohl in einem deutschen Unternehmermagazin nicht so gut machen, er wurde daher durch die Mobilität technischen Wissens ersetzt. Aber ansonsten scheinen Barnetts Vorstellungen bzw. die seiner Auftraggeber seit der Heraus­gabe seines Buches im Jahre 2004 schon ihren weltweit „ungehinderten Strom“ in die Hirne globalisierungsgläubiger Wirtschaftstheoretiker angetreten zu haben.

Zur „Mobilität von Arbeitskräften“ schreibt Prof. Dr. Klodt: „Auf diesem Feld sind wir noch am weitesten von einer globalisierten Welt entfernt, denn Arbeitskräfte können nach wie vor international als weitgehend immobil ange­sehen werden. Wer die Globalisierung allerdings zu Ende denkt, wird auch die Mobilität von Arbeitskräften mit in den Blick nehmen müssen.“

Die Abwanderung2 deutscher hochqualifizierter und hochmotivierter Arbeits­kräfte ins Ausland könnte man – mit Weizsäckerischem Zynismus – auch als „erzwungene Wanderung zur Verwirklichung der Globalisierungsideologie“ bezeichnen, denn daß da System hintersteckt, beweist die mediale Propaganda und die pilzartig aus dem Boden schießenden „Vermittlungsagenturen“ für Arbeitsstellen im Ausland. Deutsche raus – Fremde rein, wobei die Fremden auch gänzlich ohne brauchbare Qualifikation ihr Auskommen im noch tragfä­higen „sozialen Netz“ finden.

Die „Mobilität von Gütern“ bleibt natürlich auf den Arbeitsmarkt auch nicht ohne Einfluß. Im Begleitbuch zum Film „We feed the World“ wird unter anderem beschrieben, wie von der EU hoch subventionierte Agrarprodukte durch Export nach Afrika die dort heimischen Märkte zerstören. „Der senega­lesische Bauer, auch wenn er 18 Stunden am Tag arbeitet, unter brennender Sonne, mit letztem Einsatz, der hat überhaupt keine Chance mehr, das Aus­kommen zu finden auf seinem eigenen Boden. Was muß er tun? Wenn er noch die Kraft hat, emigriert er, unter Todesgefahr, über die Meerstraße von Gibral­tar.“ (S. 34)

In dem Buch wird auch die Zerstörung der europäischen Bauernhöfe durch den von der EU ausgeübten Zwang zum „wachsen oder weichen“ erwähnt. Tausende von kleinen Höfen müssen jedes Jahr aufgeben oder werden von Konkurrenten geschluckt. Und auf dem Wochenmarkt in Deutschland liegen die Bohnen aus Kenia neben den Äpfeln aus Neuseeland und Frühkartoffeln aus Ägypten. Der ganz normale globalisierte Wahn eben.

Und dieser Wahn ist auch in den Köpfen deutscher Wirtschaftler angekommen. Kritik? Fehlanzeige – es riskiert doch niemand seine Existenz, um gegen eine Ideologie anzutreten, die nur „ein neues Wort für eine sehr alte Erscheinung“ ist. Diese These zur Globalisierung wird in der selben Ausgabe des besagten Unternehmermagazins von Hans Mundorf in seinem Artikel „Märkte statt Na­tionen“ aufgestellt. Der Artikel gliedert sich in Geschichte, Gegenwart und Zu­kunft. Seiner Geschichtsauffassung nach war Globalisierung früher „Eroberung im Auftrag eines Staates, einer Stadt oder eines Herrschers. Zweck jener Globalisierung war die Ausbeutung fremder Völker zugunsten der Länder, die Konquisatoren entsandten“. Das kann man ja noch so stehenlassen, aber seine Ausführungen zur Gegenwart lassen Hintergrundwissen vermissen. Für ihn „handeln die Geld und Produktivität exportierenden Kapitalisten auch nicht mehr im Auftrag eines Herrschers und im nationalen Interesse (Anm.: National im völkischen Sinne war deren Interesse noch nie). Das Kapital ist autokratisch und unmittelbar geworden. Es läßt sich nicht mehr einfangen. Die Wirtschaft macht, was sie will, und degradiert Politiker zu ihren Handelsvertretern.“

Diese entpersonifizierende Auffassung ist falsch, aber weit verbreitet. Das Ka­pital ist niemals unabhängig von den Menschen, die es besitzen und einsetzen. Da es Machtzwecken dient und eingesetzt wird, gibt es sehr wohl noch Herrscher, auch wenn diese nicht offiziell als Herrscher, Fürsten u. ä. titu­liert werden. Und über ihre Kapitalmacht und ihre Finanzkonstrukte beherr­schen die Geldfürsten weltweit die Politiker und steuern die Gesetzgebung zu ihren Gunsten, damit ihre Machenschaften „legal“ ausgeübt werden können.

Und wie stellt sich der Autor dieses ziemlich sinnfreien Artikels nun die Zu­kunft in der Globalisierung vor?

Es bedürfte bald einer mächtigen, zentralen Organisation aller Staaten, um die Rohstoffe, die Energie, den Sauerstoff und den Industriesmog dieser Welt gerecht auf die Kontinente zu verteilen und den dritten Weltkrieg ums Überleben aller zu vermeiden. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird all­seits wegen ihres Vorschlags gelobt, die Zulässigkeit von Kohlendi­oxyd-Emissionen nach der Einwohnerzahl der Länder zu kon­tingentieren. Jedem Bürger soll ein gewisses, gleiches Quantum noch erlaubter Umweltverschmutzung zugeteilt werden.... Das aber ist die Idee einer weltweiten Zentralverwaltungswirtschaft, die eine internationale Planungsstelle will, die mit höchster Autorität ausgestattet berechnet, be­wertet, Kontingente festsetzt, Abgaben erhebt und Bußgelder auf die Länder verteilt...Wenn solche Fragen friedlich entschieden werden sollen, muß es, wohl im Rahmen der UN, eine Regulierung geben.“

Wie das funktionieren soll, ist dem Autor selbst auch nicht klar, zumal die Planwirtschaft des Sozialismus von ihm als gescheitert angesehen wird. Aber wir danken für den Hinweis auf unsere umtriebige, ideenreiche Weltreisekanz­lerin Merkel, die sich mal wieder als Maklerin der Eine-Welt-Regierung pro­filiert hat. Zum Schluß lassen wir nochmals Strategieforscher Thomas Barnett, den „Clausewitz“ der Globalisierer (O-Ton R. Melisch) zu Wort kommen.

"Aus Erfahrungen haben wir gelernt (S.296), daß wir die Globalisierung vorantreiben müssen, denn nur sie allein führt zu unserem Ziel: 'The indivi­dual pursuit of happiness within free markets protected by the rule of law.' (Zum Streben nach Glück eines jeden Einzelnen, inner­halb von gesetzlich geschützten freien Märkten)...." und weiter auf S.301: "Weil sich Amerika zu den universellen Idealen von Freiheit und Gleichheit, und zu keiner eth­nisch definierten Identität, oder zu einem 'geheiligten Vaterland' bekennt, entwickelte es sich zur ersten multina­tionale Staatenunion der Welt. Wir sind deshalb der Born, die Leuchte der Globalisierung. Dies können wir ge­nauso wenig verleugnen, wie wir uns selbst verleugnen könnten. Unsere In­teressen sind global, weil die Globalisierung global sein muß! (Wörtlich: Our interests are global because globalization must be global)."

Wann werden die zahllosen “gläubigen” Plutokratenhelfer endlich ihren gesunden Menschenverstand wieder einschalten und die Phraseologie der Globalisierer als das anprangern, was sie ist – menschenverachtend, völkerzerstörend, naturfeindlich, unheilverbreitend, kurz: das Endstadium eines jahrhundertelangen Kampfes um Weltherrschaft, um das Weltimperium?

1„Der letzte Akt – die Kriegserklärung der Globalisierer“ von Richard Melisch

2 Allein für 2005 zählte das Statistische Bundesamt 145.000 Abmeldungen von Deutschen, wobei alle fehlen, die sich erst gar nicht abgemeldet haben.