Globopoly

Ein Märchen von B. Ullrich

Stellen wir uns mal einen Superplutokraten vor und nennen wir ihn Benjamin, kurz: Ben. Ben hat enorm viel Geld und dadurch auch große politische Macht. Er kennt alle Leute, die an Schlüsselpositionen in Parlamenten, Konzernen, Weltorganisationen und Finanzinstitutionen sitzen und spricht sich mit ihnen ab – das hat übrigens schon sein Vater genauso gemacht, und sein Großvater auch. Ben ist sehr traditionsbewußt, in seiner Ahnenreihe kommen eine Menge berühmter - oder besser: berüchtigter - Personen vor. Zu seinem engsten Kreis zählen die Nachfahren derer, welche schon mit seinen eigenen Vorfahren zusammen den sogenannten Ersten Kreuzzug am Ende des 11. Jahrhunderts mitgemacht haben, aber das ist eine andere Geschichte.[1]

Der Großvater von Ben hatte übrigens die geniale Idee, das an Grund und Boden der Kolonien gebundene Vermögen des, damals noch britisch genannten, Imperiums mittels einer geheimen Transaktion verpflichteter Banken – den 1913 als Federal Reserve gegründeten, privat geführten US-Zentralbanken - in abgreifbare Finanzmittel umzuwandeln. Dazu wurde dieser theoretische Besitz des Empires, also alle Kolonien mitsamt den dort vermuteten Rohstoffen, „kapitalisiert“ – heute würde man sagen: verbrieft - und als Sicherheit für gigantische Kredite hinterlegt. Mit diesen geldmassenschöpfenden Krediten wurde die Rüstungsindustrie für den Krieg gegen Deutschland versorgt und der dazu unbenötigte Teil zinsträchtig „angelegt“. Daß für diese Vermögensumwandlung ein Weltkrieg angezettelt werden mußte, der viele Millionen Kollateralschäden an Menschenleben verursachte, war leider nicht zu vermeiden, tzz tzz. Wenigstens hatte man schon zuvor einen Dummen ausgeguckt, dem man danach die Schuld am Krieg in die Schuhe schieben, und den man zusätzlich noch finanziell auspressen konnte. In einem ein Jahrzehnt später inszenierten Weltwirtschaftszusammenbruch wurde dann das „aus dem Nichts geschöpfte“ Scheingeld wieder ins Nichts zurückgeschickt. Zurück blieben die Anlagegewinne, sowie die Reparationen zuzüglich der Schulden, die sich aus dem Weltkrieg angehäuft hatten und die nun den am Krieg beteiligten Völkern zum Abbezahlen aufgebürdet wurden.

In den folgenden Jahrzehnten hatte sich das Weltfinanzsystem immer weiter von einer durch Goldstandart „gedeckten“ Währung weg, hin zu einer noch ungedeckteren Papiergeldwährung entwickelt. Der einzige Weg, dieses auf Kreditbasis in Umlauf gebrachte Papiergeld bzw. Buchgeld werthaltig zu machen, war, etwas Werthaltiges dafür zu kaufen. Dies betrieb Ben viele Jahre mit Hilfe seiner zahlreichen Kumpane und unwissenden Helfer, die sich dabei auch nicht schlecht standen. Er gründete Universitäten, in denen SEINE Weisheiten gelehrt wurden. Er kaufte Fabriken, in denen SEINE Pillen gedreht wurden. Er kaufte Raffinerien und Ölquellen und stellte zu SEINEN Bedingungen Energie für die Welt zur Verfügung. Er kaufte Saatgutfirmen, deren Produkte die Bauern zwangen, immer weiter nur SEINE Saat und SEINEN Dünger zu benutzen. Er kaufte Staatsbetriebe, um den Menschen SEINE Gebühren aus der Tasche zu ziehen. Dazu mußte er jedoch einige Tricks anwenden, wie 2.000 Seiten starke Verträge, damit die Menschen in den Kommunalparlamenten nicht merkten, wie sie um ihre wichtigsten Dienstleistungen betrogen wurden. Kein Wasserwerk, kein Schienennetz, keine Infrastruktur der Welt war vor ihm sicher. Man nannte ihn in SEINEN Fabriken, Stiftungen, Parlamenten und Institutionen nur noch BIG BEN.

Aber BIG BEN – das sollten wir nicht ganz vergessen – war auch nur ein Mensch, jedenfalls sah er in etwa so aus, und es passierten schon mal Dinge, die er nicht voraussehen konnte oder deren Entwicklung er nicht immer steuern konnte. Doch war das nicht schlimm, denn bisher war ihm oder seinen Kumpanen immer irgend eine Lösung eingefallen, wie er das mitunter schlingernde imperiale Boot wieder auf Gewinnkurs bringen konnte.

An dem Punkt muß mal erwähnt werden, daß selbst ein kompletter Zusammenbruch des Finanzsystems Ben NICHT WIRKLICH ärmer machen würde. Vielleicht würde er ein paar Freunde verlieren, dafür auf der anderen Seite etliche Feinde hinzugewinnen – aber damit muß man als Auserwählter immer rechnen. Ja, Neid und Raffgier der Mitmenschen können einem schon zu schaffen machen, seufz.

Alsbald war BIG BEN auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen. Daß über ihn dennoch fast nichts in den Medien kommt, ist übrigens keine Ignoranz irgendwelcher Chefredakteure, sondern eine Anordnung von ihm – ihr wißt schon, wegen der Neider und Kleingeister.

Hin und wieder stellten SEINE Medien durch geschickte Propaganda den ein oder anderen Schurkenstaat an den Pranger, dessen Staatsgebiet man als mögliches Aufschuldungsgebiet ausersehen hatte. Was hätten die vielen Rüstungsfabriken auch für einen Sinn, wenn man nicht von Zeit zu Zeit die Läger räumen würde – das schafft in gewissen Kreisen eine Bombenstimmung, wie beim Sommerschlußverkauf! Und nach der Zerstörung bestand immer großer Bedarf an Wiederaufbaugütern, die Ben gerne ebenfalls gegen Bares oder Schuldscheine zur Verfügung stellte, nicht zu vergessen die Medikamente und die Gensaat, die er – der Menschenfreund – aus SEINEN Fabriken liefern konnte.

Auch der zum Oberschurken aller internationalen Schurken ausersehene BIG LADEN meldete sich von Zeit zu Zeit medienwirksam zu Wort, wenn irgendwo innenpolitischer Bedarf bestand. Seine frischesten Rekruten hatten sich zwar kürzlich in Deutschland saublöde angestellt – offensichtlich hatten sie anstatt eines terroristischen Ausbildungslagers erster Klasse ein Sonderschullager erwischt -, aber zumindest hatte man den möglichen Täterkreis Fritz-sei-Dank quasi mit einem Handstreich „um die gesamte weiße Rasse“ erweitert. Terror ist eben echt Multikulti – die fehlenden Schwarzen und Gelben bekommen wir sicher bald nachgeliefert! Und Deutschlands Obergouvernante signalisierte ihrem Überwachungsspezialisten Wölfle, daß die Recht-Fertigung für seinen innenpolitischen Amoklauf abgeschlossen sei. Ja, der Ben, der tut was für uns alle, der will, daß wir durch SEINE Superüberwachungstechnologie bis ins hinterste Schlafzimmereckchen hinein geschützt werden. So viel Fürsorge geht jedem von uns unter die Haut – zum Beispiel als Mikrochip!

Durch Bens Einfluß auf die Geldpolitik UND die Propaganda hat er die Menschen so weit gebracht, daß sie großenteils ein Konsumleben auf Pump führen. Und die Banken, angefeuert von Bens Ratingagenturen, haben dies durch großzügige Kreditvergabe und die damit verbundene Geldschöpfung freudig unterstützt. Auch hatte es sich eingebürgert, daß Banken sich untereinander Geld ausliehen, wenn sie gerade welches arbeitslos herumliegen hatten. Und als Sicherheit für eine Kreditvergabe an andere Banken nahmen sie sogar gebündelte Forderungen an, Kreditpakete, welche viele verschiedene „Schuldscheine“ enthielten von Kunden, deren Identität und Bonität sie nicht kannten.

Dieses Verhalten legt den Schluß nahe, daß es eine echte Konkurrenz unter den Banken nicht mehr gibt – was daran liegen könnte, daß alle großen Banken Ben und seinen Freunden (engl: Bän änd his gäng) gehören. Die ganzen Schiebereien und Zockereien mit fremdem Geld oder Luftgeld werden als eine Art GLOBOPOLY-Spiel betrieben. Immer neue Finanzierungskonstrukte und Wettmöglichkeiten werden ausgeklüngelt und an den Börsen – den ehemaligen Umschlagplätzen für richtige Waren - eingeführt. Weltweit müssen die nationalen Gesetzgebungen den Spielregeln dieses GLOBOPOLY angepaßt werden, was dank Bens bester Beziehungen bis in die politischen Kreise in aller Welt kein Problem ist. Wenn es mal irgendwo hakelte, beispielsweise in der Mitte vom Alten Europa, dann schickte er seinen Finanzschauspieler Alban Grinsman über den Teich, um allen Uneingeweihten und Überängstlichen die Regeln und Anforderungen von GLOBOPOLY zu erklären.

Als nun der Zeitpunkt kam, wo viele kleine und große Kreditnehmer ihre Schulden nicht rechtzeitig begleichen konnten, drohte das ganze, raffiniert ausgeklüngelte Schneeballsystem zu platzen. Keine Bank, kein GLOBOPOLY-Spieler traut mehr den anderen, keiner will mehr dubiose Kreditpakete als Sicherheit für weitere Kredite annehmen, keine Bank weiß genau, wie viele „faule“ Kreditpakete sie ihr Eigen nennt. Die ersten großen Kreditvergabeinstitute haben schon das Spielfeld „Du hast fertig – nimm’ staatliche Hilfe“ erreicht. Die Gerüchte brodeln, die Kurse schwanken, die Zentralbanken fluten Liquidität in den Markt, die einen Preise steigen, die anderen fallen, die Börsen dümpeln dahin wie Boote in mittelschwerer See.

Ein Vorschlag zur besseren Überwachung und Steuerung, vor allem aber zur Rettung des Finanzsystems jagt den nächsten, alle Mitspieler und Anteilnehmer von GLOBOPOLY beteuern ihre Unschuld und ihr Nicht-Wissen-Können, denn die Regeln sind ja sooo kompliziert geworden...

Einige von Bens engsten Freunden haben die Regeln aber kapiert – vermutlich haben sie ihn bei der Ausklüngelung unterstützt. Die haben sich in der Kreditkrise die Taschen vollgestopft und laden sich nun die Sahnetörtchen vom Buffet[2] -Tisch auf ihre Investorenteller.

Jetzt schlägt die große Stunde von Bens politischen Helfern! Schließlich gibt es ja überall noch Reste von Volksvermögen, die sich dem Zugriff von Ben und seinen Kumpanen bisher entziehen konnten. Das muß anders werden! Also läßt Ben Gipfeltreffen veranstalten, auf denen die nationalen Politiker Rat-schläge erhalten, wie man durch Milliardengarantien in doppelter Jahreshaushaltshöhe die Staatsverschuldung bei Bens Banken so in die Höhe treibt, daß das als Sicherheit dienende Volksvermögen bei Einforderung dieser Garantien von ganz allein in Bens aufnahmebereiten Schoß fällt.

Dies ist der Zustand im Herbst 2008.

Und weil wir gerne wissen möchten, wie es weitergeht, was denn der BIG BEN überhaupt will, was sein letztes Ziel ist und seine Vorstellung von der Welt und unserer Zukunft, horchen wir einfach mal in einen SEINER Filme hinein, denn schon 1976 hat er in einem mehrfach preisgekrönten Film namens NETWORK, einer boshaft-witzigen Satire auf das Geschäft mit TV-Nachrichten und den Kampf um Zuschauerquoten, eine Menge von SEINEN Zielvorstellungen offenbart.

 

NETWORK: Vom Besitzer des TV-Senders muß sich der gefeuerte Nachrichtensprecher Howard Beale wie folgt aufklären lassen:

„Sie sind ein alter Mann, der noch in Begriffe wie Nationen und Völkern denkt. Es gibt keine Nationen! Es gibt keine Völker! Es gibt keine Russen, es gibt keine Araber, es gibt keine Dritte Welt, es gibt keinen Westen - es gibt nur ein einziges großes holistisches System der Systeme. Ein riesiges, ungeheuer mächtiges, verflochtenes, sich gegenseitig beeinflussendes, multivariables, multinationales Dominion von Dollars. Petrodollars, Elektrodollars, Multidollars, deutsche Mark, Gulden, Rubel, Pfund, also jede Art von Geld. Es ist das Internationale Währungssystem, das die Globalität auf diesem Planeten bestimmt.

Das ist die natürliche Ordnung der Dinge heutzutage. Das ist die atomare und die subatomare und die galaktische Struktur der Dinge heutzutage!...

Sie erscheinen da auf Ihrem lächerlichen kleinen Bildschirm und wehklagen über Amerika und Demokratie. Es gibt kein Amerika! Es gibt keine Demokratie. Es gibt nur IBM und ITT. Und ATNT...und Exxon. Das sind die Nationen der Welt heutzutage.

Was glauben Sie, worüber die Russen bei ihrer Ministerratssitzung reden? Über Karl Marx? Die holen ihre linearen Programmierungstabellen raus. Statistische Entscheidungstheorien, Logarithmentabellen, und befragen den Computer über den Kosten-Nutzen-Effekt ihrer Transaktionen und Investitionen, genau wie wir. Wir leben nicht länger in einer Welt von Nationen und Ideologien, Mister Beale. Die Welt besteht aus einer Gruppe von Konzernen. Sie unterliegt bestimmten Gesetzen – unwandelbaren Gesetzen der Wirtschaft.

Die Welt ist ein Geschäft, Mister Beale! Das war so, seit der Mensch aus dem Urschleim gekrochen ist. Und unsere Kinder werden es erleben, Mister Beale. Sie werden sie erleben – die perfekte Welt, in der es weder Krieg noch Hungersnot gibt, weder Unterdrückung noch Brutalität. Eine riesige ökumenische Holdinggesellschaft, für die alle Menschen arbeiten werden, um einen gemeinsamen Profit zu erwirtschaften, und alle Menschen werden an dieser Gesellschaft einen gewissen Anteil haben. Alle Bedürfnisse werden befriedigt. Angst und Schrecken werden verschwunden sein. Und auch Langeweile wird es nicht mehr geben.

Ich habe Sie auserkoren, Mister Beale, dieses Evangelium zu verkünden.“

 

Also denken wir stets daran, wenn wir immer noch einen Fernseher zuhause stehen haben und es nicht lassen können, ihn einzuschalten:

Es gibt viele Mister Beales! Auch Missis Beales! Es gibt sie in allen Sparten und in allen Verkleidungen. Und sie alle verkünden SEINE Propaganda – gegen den freien, natürlichen Menschen, für die totale Kontrolle, für die künstlich geschaffene Welteinheitskreatur, passend gemacht als Spielstein für BIG BEN’s GLOBOPOLY!

 

 



[1] Näheres dazu siehe „Geschichtsschreibung zur Recht-Fertigung von Herrschaft“ von G. Ullrich u.a., GUWG 2008

[2] Warren Buffet, derzeit angeblich reichster Mann der Welt