Sommerlochfüller Thilo Sarrazin

B. Ullrich

Die im August losgetretene und in allen Medien breitgetretene Debatte über unintegrierbare Muslime ist ein Musterbeispiel für „inszenierte Politik“. Wo sonst nur CDU-Politiker wahlkampfwirksame Ausländer-Minen hochgehen lassen („Kinder statt Inder“), geht nun mit Sarrazin ein langjähriger SPD-Mann an die Front und bringt die in der BRD lebenden Muslime pauschal mit dem Untergang dessen in Verbindung, was er unter dem Begriff Deutschland versteht. Im Pendeleffekt werfen sich andere Politiker aller Bundestagsparteien vehement schützend vor die Angeklagten, loben die bereits erzielten Integrationsfortschritte und fordern noch stärkere Bemühungen aller Beteiligten ein.

So versicherte BRD-Kanzlerin Merkel der türkischen Zeitung Hürriyet (das ist die, wo auf jeder Seite 1 oben links steht: „Die Türkei den Türken“), „es gebe in Deutschland viele Beispiele für gelungene Integration, es gebe aber auch weiterhin Probleme. Deshalb müsse noch mehr getan werden als bisher. "Dies bedeutet Bildung, Bildung und nochmal Bildung", sagte Merkel. So gebe es in den Berliner Bezirken Kreuzberg, Wedding oder Neukölln viele Menschen ausländischer Herkunft, die etwas aus ihrem Leben in Deutschland machen. "Wenn man ehrlich ist, sieht man dort aber auch vieles, das zeigt: Wir haben in der Bildungs- und Sozialpolitik noch einen langen Weg vor uns."

Die mediale Botschaft an alle, die aus dem Bauch heraus Sarrazins Ausführungen zujubeln, lautet, daß alles gut wird, wenn wir – die „Aufnahmegesellschaft“, das „Einwanderungsland“ – uns nur noch mehr Mühe geben als bisher. Weder wird durch die veröffentlichte, gezielt von oben losgetretene, Debatte die verbrecherische Einwanderungspolitik der letzten Jahrzehnte angegriffen, noch als Lösung eine Rückführung zumindest der Unintegrierbaren in ihre Heimatländer auch nur angedeutet. Man ist versucht, zu fragen: „Wat soll der Quatsch?“

Mittlerweile ist Sarrazin nicht mehr im Vorstand der Bundesbank, hat also viel Zeit und erfreut sich eines Pensionsanspruches, der vom Focus auf ca. 10.000 € pro Monat geschätzt wurde. Und sein verdächtig eifrig beworbenes Buch „Deutschland schafft sich ab“ erscheint ausgerechnet im DVA Verlag, der zu Randome House gehört, einer 100%igen Bertelsmann-Tochter. Der DVA beschreibt sich selbst wie folgt:

Die Publikationen der DVA lassen sich als ein getreuer Spiegel dieser historischen Entwicklung lesen, getrübt weder von reaktionärer Gesinnung noch von avantgardistischem Übereifer, immer einer weltoffenen, liberalen, humanen bürgerlichen Tradition verpflichtet.

Viele große Schriftsteller, Wissenschaftler und Architekten, sowie bedeutende Politiker und Publizisten aus Deutschland und Europa sind seit Gründung der Deutschen Verlags-Anstalt 1831 in ihrem Programm vertreten gewesen. Allein im Buchverlag der DVA wurden Werke von zwölf Nobelpreisträgern, vier deutschen Bundespräsidenten, dreizehn Kanzlern und Papst Benedikt XVI. veröffentlicht.

Und jetzt also das „Werk“ von Sarrazin. Bertelsmann stellt sich selber wie folgt dar:

Die Bertelsmann Stiftung setzt sich für das Gemeinwohl ein. Sie engagiert sich in den Bereichen Bildung, Wirtschaft und Soziales, Gesundheit sowie Internationale Verständigung und fördert das friedliche Miteinander der Kulturen. Die 1977 von Reinhard Mohn gegründete, gemeinnützige Einrichtung hält die Mehrheit der Kapitalanteile der Bertelsmann AG.

Ebenfalls ist die Bertelsmann Stiftung eine der 8 Stiftungen, aus denen sich der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration zusammensetzt. Und ausgerechnet von dort wird jetzt dieses Buch auf den Markt geworfen. Nach eigener Aussage hinten im Buch wurde Sarrazin sogar im Mai 2008 vom Verlag gefragt, ob er nicht mit einem Buch zur politischen Debatte über den Sozialstaat beitragen wollte – kurz nach seinen Äußerungen über die Möglichkeiten preiswerter Ernährung für Harz IV Empfänger. Nach kurzem Zögern wollte er dann auch. (Ein ähnliches Phänomen gab es nach dem Krieg, daß ranghohe Akteure aus Politik und Wehrmacht von Verlagen angesprochen wurden, ob sie nicht ihre Erlebnisse niederschreiben wollten)

Nachdem die erste Empörungswelle über das bis dahin noch nicht einmal erschienene Buch über uns hinweggerollt war, kamen dann die etwas besonneneren Wortmeldungen auf. So berichtet die WELT am 3.09., daß der Bundespräsident und andere die Migranten zwar vor Sarrazins Vorwürfen in Schutz nehmen, aber mehr Bereitschaft zur Integration fordern würden.

Wulff räumte zugleich Defizite in der deutschen Ausländerpolitik ein: „Versäumte Anstrengungen bei der Integration müssen nachgeholt werden“, forderte der Bundespräsident. Andererseits müßten aber auch „klare Forderungen an Zuwanderer formuliert werden“.

Der innenpolitische Sprecher der SPD, Dieter Wiefelspütz, nannte die Integration „das Mega-Thema der nächsten Jahre“. Deutschland stehe besser da als viele andere EU-Länder. Doch mehr sei möglich. „Insbesondere der Bundesinnenminister ist zu passiv. Er muß das Thema Integration endlich an die Spitze seiner Agenda setzen“.

In die gleiche Kerbe schlug der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Wolfgang Bosbach (CDU), der „von millionenfach gelungener Integration“ sprach, aber auch sagte, es gebe „auch zu viele Fälle von Integrationsverweigerung“. Damit sind wir wieder beim gleichen Ergebnis, wie nach der letzten Thematisierung durch Roland Koch (CDU): Man muß Ausländer fördern und fordern. Und natürlich die „Deutschland ist Einwanderungsland“ -Propaganda verstärken, denn nach dem Ergebnis einer Bielefelder Langzeitstudie „stimmt jeder zweite Bundesbürger der umstrittenen Aussage des Bundesbank-Vorstandsmitglieds Thilo Sarrazin zu, daß es zu viele Ausländer in Deutschland gebe. Nur 16 Prozent meinten, die muslimische Kultur passe hierher.“

Und, will man etwa nun dem Volksempfinden Genüge tun und zumindest alle, die sich hier nicht selbständig ernähren können, in ihre Heimatländer re-integrieren? Daß die gesteuerte Debatte einmal diesen Punkt erreicht, werden wir wohl nicht erleben. Sarrazin weist dies auch von sich, indem er sich als nach wie vor sozialdemokratisch bezeichnet, und hinsichtlich seines Buches sagt:

Und Sie werden nirgendwo die Forderung finden, irgendjemanden, der schon hier ist, abzuschieben, wie das andere Parteien gelegentlich tun. Im Gegenteil. Ich will alle fördern.“1

Na also. Und allen, die eingangs der Debatte noch Sarrazin als einen „Rassisten“ beschimpft haben, hält er seine eigene „Migrationsgeschichte“ entgegen:

Ich selbst bin eine europäische Promenadenmischung: Väterlicherseits stammt die Familie ab von Hugenotten aus Lyon. Ich habe eine englische Großmutter, irgendwo eine italienische Ururgroßmutter, und meinen slawischen Backenknochen sieht man an, daß meine Mutter aus Westpreußen stammt... Mein Name kommt in Südfrankreich häufiger vor. Er leitet sich von arabischen Seeräubern her, die man im Mittelalter „Sarrazenen“ nannte. Als junger Mann, mit schwarzem Schnurrbart und dicken schwarzen Haaren, sah ich in Parka und Jeans türkischer aus als viele Türken. Ich wäre in Kreuzberg gar nicht aufgefallen.“

Der Paneuropa-Gründer Graf Coudenhove-Kalergi, ebenfalls eine „Promenadenmischung“, beseelt von dem Gedanken, in Europa durch Vermischung eine „eurasisch-negroide Zukunftsrasse“2 entstehen zu lassen, hätte seine Freude an Sarrazin! Und über dieser „Zukunftsrasse“ thronen beim Grafen die „Qualitätsrassen“3: „Von der europäischen Quantitätsmenschheit, die nur an die Zahl, die Masse glaubt, heben sich zwei Qualitätsrassen ab: Blutadel und Judentum. Voneinander geschieden, halten sie beide fest am Glauben an ihre höhere Mission, an ihr besseres Blut, an menschliche Rangunterschiede.“ Hier grüßen Sarrazins Juden-Gen und die 166 jüdischen Nobelpreisträger4!

Was der Sinn dieser ganzen Inszenierung ist, wird sich gewiß in Laufe der nächsten Monate zeigen. Auffällig ist der zeitliche Zusammenhang zwischen der Aufforderung an Sarrazin, sein Buch zu schreiben, und der von Udo Ulfkotte nachfolgend beschriebenen Bertelsmann-Studie. Fürchten die BRD-Gewinnler etwa, daß ihnen ihre bisherige Anti-Volks-Politik um die Ohren fliegt? Ist die jetzige Debatte ihre „Flucht nach vorne“?

1 WELT 28.08.2010

2 der Begriff entstammt dem Buch „Praktischer Idealismus“ von 1925, S.23

3 ebd, S. 45

4 Was der Nobelpreis wert ist, wissen wir nicht erst seit der Zuteilung des Friedensnobelpreises an Obama...