Die Welt als Beute

H.-F. Schulte

Einige Bemerkungen zu gegenwärtigen sogenannten Finanzkrise - die uns mal wieder als schier unvorhersehbare vorgespielt wird, obwohl sie doch nur die vorläufig letzte in einer langen Reihe ist, die mit der von 1925/26 begann.

Diese ihrerseits läutete die sogenannte Weltwirtschaftskrise ein, die den Zweiten Weltkrieg vorbereitete; der Erste mußte ja wegen der deutschen Kapitulation abgebrochen werden, bevor das eigentliche Kriegsziel erreicht war. Genau so wie die der zwanziger Jahre entwickelte die jetzige sich - oder wurde es - durch planmäßige Geldvermehrung, sprich Inflationierung. Das historische Ausmaß wird bedingt von den Kosten der aktuellen Kriege der US-Regierung, die nach Auskunft des diesjährigen Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaft mittlerweile den Betrag von 2 Billionen Dollar übersteigen und damit jetzt schon teurer sind als der Erste Weltkrieg.

Ausgelöst wurde sie, oh Schreck, vom Platzen einer Immobilienblase, aufgepumpt zuvor von den ach so unmäßig gierigen Bankern. Allerdings, Schreck kann diese Immobilienblase nur bei Alzheimer-Kranken auslösen, die schon vergessen haben, daß die Amtszeit des älteren Bush so anhub, wie die des jüngeren endet: Mit dem Platzen einer Immobilienblase. Seinerzeit ging es um 500 Milliarden Dollar, und nicht in erster Linie um Kriegführung - die ließ man sich damals von Deutschland und Japan direkt bezahlen, wie wohl noch erinnerlich sein sollte -, sondern um die Beseitigung der amerikanischen Sparkassen, circa 4.000 Stück. 3.000 davon sind pleite gegangen, 1.000 gingen in Privatbesitz über, die Schulden übernahm der Staat.

Daß kein Banker ohne guten Grund Kredite vergibt an Leute, die sie nicht zurückbezahlen können, müßte auch dem Dümmsten klar sein, denn damit ist nun einmal kein Geschäft zu machen. Es muß also andere gute Gründe gegeben haben. Diese sind leicht aufzufinden, es muß sich ja um pekuniäre handeln. Was geschah mit diesen Schulden eigentlich? Sie wurden, man höre und staune, verkauft, und zwar ins Ausland, vorwiegend nach China. Die ausführenden Banker wurden schlicht bestochen, nichts anderes sind Boni für die Durchführung solcher Transaktionen. Die Boni selbst ließ man den Endkunden bezahlen, den Letzten beißen bekanntlich die Hunde. Das Ausland transferierte sein Geld, erhielt ein Stück Papier und wundert sich, was mich nun wieder wundert, daß es sich lediglich um Arschwische handelt; schließlich ist das seit längerem gängige Praxis.

Die Bush-Administration hat ihrer durch 9/11 aufgestachelten Bevölkerung erzählt, die Rache, der „war on terror", werde nichts kosten. Die Bezahlung durch Geldvermehrung, also Inflationierung, ist heute wie seit Jahrhunderten Bestandteil der plutokratischen Kriegsführung einerseits und Methode der Ausplünderung des Restes der Welt andererseits, dieser bezahlt die Zeche genauso wie die breite Bevölkerung der USA. Die aber wurde zunächst mit chinesischem Konsum-Müll eingelullt und ruhiggestellt, während die ebenso stetig wie bedrohlich anwachsende Dollarlawine größtenteils auf den Konten der chinesischen Staatsbanken landete und man sich damit ihrer Virulenz befristet entledigt hatte. Der Krieg wurde also zunächst von den Chinesen bezahlt. Bedrohlich ist die Lawine, weil sie das politische Optionsspektrum China's unübersehbar erweiterte und damit durch die Entwertung im Zuge einer Finanzkrise nach bekanntem Muster wieder eingesammelt respektive entwertet werden muß.

Zum Aspekt der angeblichen Überraschung erlaube ich mir, auf den SPD-Politiker Horst-Ludwig Stiegler zu verweisen, der sich vor circa zwei Wochen[1] beim abendlichen Politik-Talk im TV-Sender Phoenix aus meiner Sicht verplapperte und äußerte wie folgt: Er habe mit seinem Freund und Fraktionskollegen Dieter Poss vor einem Jahr eine Reise in die USA unternommen, und dabei hätten sie sich auch mit Bankern getroffen. Zu ihrer Überraschung und zu ihrem Unverständnis hätten diese ihnen mitgeteilt, nächstes Jahr würden die amerikanischen Banken verstaatlicht, und das habe sie beide sehr verwirrt. Dies aussprechend, schaute er dermaßen treuherzig aus seinen himmelblauen Kulleraugen, wie man es wohl nur kann, wenn man Horst-Ludwig heißt.

Solcher Art also sind die politischen Verhältnisse und Persönlichkeiten, unter deren Ägide die Ereignisse stattfinden. Ich fühle mich nun zu einem Versuch gedrängt, etwas zum Verständnis des Geldes beizutragen. Hierzu verweise ich zunächst auf einen erst kürzlich erschienenen Artikel der FAS[2]. Hier wurde, was nur selten geschieht und wofür man immerhin dankbar sein darf, offen ausgesprochen, daß es abgesehen von den zu vernachlässigenden Bargeldbeständen Geld nicht gibt, respektive es durch müheloses Tastendrücken am Computer einer Zentralbank erzeugt wird, also keineswegs, wie der unbedarfte Zeitgenosse meint, verdient werden muß. Eine Zentralbank stellt es ihrer Regierung, allerdings auf der Verschleierung dienenden Umwegen, in zunächst beliebiger Höhe als „Kredit" zur Verfügung.

Die Festsetzung der genauen Höhe ist nicht Bestandteil eines demokratischen oder wenigstens öffentlichen Verfahrens. Verschleiert wird unter anderem die Tatsache, daß dieses Zentralbankgeld ganze Volkswirtschaften steuert. Während der Bundeskanzlerschaft von Helmut Kohl wurde circa ein halbes Jahr vor den Wahlen, mit Ausnahme der letzten, die Geldmenge vermehrt und damit günstige Wirtschaftszahlen erzeugt.

Die Geschwindigkeit, mit der zur Zeit in der BRD hunderte Milliarden Euros herbeipurzeln, hat das staunende Publikum schier seines Atems beraubt und die Medien veranlaßt, sich ihres aufklärerischen Auftrags zu entsinnen. Parallel zur Ausgabe der erwähnten FAS fühlte sich nun das ZDF bemüßigt, dem ich vor allem seines glaubwürdigsten und sympathischsten Vertreters wegen, Professor Guido Knopp, bedingungslos und blind vertraue, seinen Teil zur Volksbelehrung zu leisten. In den 19-Uhr Nachrichten trug ein gewisser (nomen est omen?) Steffen Seibert vor, wie der Staat an die benötigten circa 500 Milliarden kommt. Nicht ganz so treuherzig - er heißt ja nicht Horst-Ludwig - trug dieser also sinngemäß vor, Finanzminister Steinbrück werde Bundesschatzbriefe verkaufen, dann habe er die erforderlichen Summen.

Kein Wort über vielleicht zu erwartende Schwierigkeiten der Kundengewinnung, kein Wort über die Problematik der erforderlichen Schnelligkeit; der famose Steinbrück verkauft, und das Geld ist da, man fragt sich bloß: Wieso macht er das nicht immer so? Daß Inflationieren eine Frage der Macht ist, die in der deutschen Geschichte mindestens schon einmal gestellt und militärisch beantwortet wurde, und was deshalb längst nicht jeder tun darf, vor allem nicht jeder Staat (warum gehört das Pfund nicht zur Eurozone?), geht den deutschen Michel nun allerdings nichts an, weshalb auch seibernde Knöppe in tiefes, unverbrüchliches Schweigen verfallen.

Doch zurück: Der Witz ist, daß hier in gewissem Sinn noch nicht einmal gelogen wurde; tatsächlich sind Bundesschatzbriefe ein Instrument staatlicher Finanzierung. Allerdings verdecken sie die Tatsache, daß selbst nach dem deutschen, von den Alliierten genehmigten Grundgesetz der Staat das Währungsmonopol hat, also gar keine Kredite aufnehmen müßte, sondern an dem besagten Zentralbankcomputer mittels Klick die erforderlichen Summen bereitstellen könnte. Gekauft werden die Briefe nun von den Geschäftsbanken, die sie in unserem Fall bei der Bundesbank als Pfand hinterlegen dürfen. Diese setzt nun den PC in Gang, und, schwupps, ist das Geld da, tatsächlich hat also Steinbrück zu Deckung seines Finanzbedarfs Schatzbriefe verkauft, das ZDF hat nicht einfach nur christlich dahergeseibert. Es fragt sich nur: Wer sackt die Zinsen ein?

Zur Beantwortung dieser Frage beziehe ich mich nun auf einen vor circa zwei Jahren veröffentlichten, ganzseitigen Artikel in der FAZ. Inhalt und Bestreben war, die Geschichte der letzten 3.000 Jahre als eine Auseinandersetzung zwischen Bauerntum und Nomadentum hinzustellen, einerseits Völkern aus Knechten der Scholle - ich polemisiere -, aus bäurisch dumpfen und unfreien Arbeitstieren, und andererseits Nomaden und Händlern, die frei und stolz über den Erdball schweifen, und vor den Augen der staunenden Landeier intelligent und pragmatisch aus Allem das Beste machen, und mittels Wissenschaft und Kultur Wohlstand erzeugen und verbreiten. Dieser Jahrtausendkampf nun soll im letzten Jahrhundert endgültig zugunsten des Nomadentums ausgegangen sein. Der Artikel ist im Leserarchiv der FAZ einsehbar.

Zum Schluß füge ich an, daß nach Oswald Spenglers Ansicht das 20. Jahrhundert durch das Ringen zweier Kräfte geprägt sein würde. Es ging seiner Meinung nach um die Frage: Wie wird die Erde behandelt und als was sehen wir sie an? Hier sah er zwei sich feindliche, in Mitteln und Zweck nicht in Übereinstimmung zu bringende Gruppen am Werk. Die erste sah die Erde als einen Verantwortungsbereich, und ihr Mittel war die „preußische Verwaltung". Man mag darüber diskutieren, ob das die richtige Gesinnung ist, doch immerhin richtet gutes Verwalten sich auf die Pflege und Erhaltung des Bestehenden, und der Verwalter fragt sich nach der Qualität seiner Maßnahmen oder er wird gefragt.

Die zweite Gruppe hat eine ganz andere Sicht auf die Art des Umgangs mit der Erde: Die Welt ist Beute! Sie ist zum Einen im Ganzen eine Auszubeutende, zum Anderen sind ihre Reichtümer im einzelnen je und je wem auch immer entrissene Beute. Verantwortlich ist man hier Niemandem, und je mehr Beute, umso besser. In der Tat ist der Verfasser dieser Zeilen überzeugt, daß angesichts des Zustandes der Welt dem dumpfen Bauern die Wahl zwischen Verwalter und Pirat nicht schwerfallen kann! Nomaden und Piraten pflegen als einziges ihre Waffen, das allerdings mit Hingabe - es geht ja um die Beute.

 



[1] Ca. Mitte Oktober 2008

[2] Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung