Heute schon Strom gespart?

B. Ullrich

Seit 2007 laufen in der BRD Versuche mit sogenannten „intelligenten Stromzählern“. Schließlich gilt es mal wieder, eine EU-Richtlinie von 2006 „in nationales Recht umzusetzen“, diesmal die EU-Richtlinie zu Energieeffizienz und Energiedienstleistungen. Im Gegensatz zu den alten Zählern mit der Drehscheibe, die einmal im Jahr vom Energieunternehmen abgelesen werden, senden diese neuen Zähler mehrmals pro Stunde die aktuellen Verbrauchswerte über die in allen Häusern ohnehin vorhandenen Datenleitungen zum Zentralrechner des Energieversorgers (oder auch zu einem Zwischenbetreiber?), der diese Werte dann in monatliche Abrechnungen anstelle der bekannten Abschlagrechnungen umsetzen kann.

Für den Stromkunden soll der Vorteil darin bestehen, daß er seinen Stromverbrauch dauernd kontrollieren, Stromfreßgeräte gegen energetisch günstigere Geräte austauschen oder aber sparsamer benutzen kann. Vermutlich wird es auch unterschiedliche Preise geben, mit denen ein Anreiz geschaffen werden soll, Stromfresser wie z.B. Waschmaschinen außerhalb der Verbrauchsspitzenzeiten einzuschalten. Ja, Nachtwaschen und Nachtkochen soll sich schließlich lohnen!

Der Stromanbieter Yello will in Zusammenarbeit mit Microsoft aus Stromverbrauchern „Energiemanager“ machen:

Mit dem Yello Sparzähler online können Energiekunden ohne Komfortverlust bis zu 10 Prozent Kosten und Verbrauch sparen - der Kunde kann also selber aktiv den Ausstoß von CO2-Emissionen senken.“

Durch die Begriffsverknüpfungen von Strom, Energie, CO2, Klima, Treibhauseffekt usw. wird das Verbrauchskontrollprogramm am heimischen PC quasi zum „schlechten Gewissen“ des Stromkunden, der ja schließlich nicht schuld an der „Klimakatastrophe“ sein möchte. Dank des kleinen elektronischen Kästchens kann er nun vom gedankenlosen Klimaschwein zum Stromsparschwein mutieren, woraus sich ganz neue Themen für die tägliche Unterhaltung und Hausfrauen-Talkshows ergeben. Nur Menschen mit einem dauerschlechten Gewissen (z.B. politische Außenseiter) können auf die Idee kommen, daß man aus der viertelstündigen Übertragungsrate von sekundengenauen Stromverbrauchsdaten an eine Zentrale exakte Verbraucherprofile erstellen kann! Denn alles, was der Kunde überwachen kann, kann der Stromlieferant ebenfalls überwachen! Es wird auch dann viel einfacher als bisher sein, jemandem den Strom zu sperren – per Knopfdruck auf die Zentralrechnertastatur -, was sich dem nörgelnden Kunden dann eine zeitlang als „technische Störung“ verkaufen läßt, wenn man ihn nicht ohnehin der Einfachheit halber irgendwo zwischen Call-Center und Hotline auflaufen läßt. Denkbar wäre nach Abschluß der flächendeckenden Installation auch die spätere Festlegung einer Obergrenze für den Stromverbrauch pro Person, bei deren Überschreitung eine saftige „Klimaabgabe“ fällig wird. Hier tut sich ein neues Betätigungsfeld für unterbeschäftigte Regulierungsspezialisten auf.

Und so hört sich das in der normalen Medienwerbung an, hier bei N-TV am 8. Juli 2008 unter dem Titel „Stromverbrauch – die volle Kontrolle“:

...Das Energie- und Klimaprogramm der Bundesregierung macht intelligente Zähler ab 2010 zur Pflicht in Neubauten. Zurzeit laufen einige Pilotprojekte mit modernen Apparaten. Der Branchenriese RWE ist seit Monaten dabei, in Mülheim an der Ruhr etwa 100.000 alte Stromzähler gegen digitale Meßgeräte auszutauschen. Das Projekt dauert drei Jahre. Für Kunden ist der Gerätetausch kostenlos. Sie sollen damit künftig ihren Stromverbrauch selbst kontrollieren, überwachen und gezielt einsparen können. Mitbewerber Eon führt allein in Bayern bei einem Testlauf 10.000 intelligente Stromzähler ein, die zehn bis 15 Prozent Energie sparen sollen. Auf Dauer sollen die neuen Geräte die drei Zähler von Strom-, Gas- und Wasserverbrauch in einem zusammenfassen.“

Ob es sich bei unüblich vermehrter Klospülungsbetätigung in der Wohnung eines politisch oder religiös Verdächtigen um Begleiterscheinungen eines Kaffeekränzchens oder eines konspirativen Terrorverabredungstreffens handelt, kann vom BKA dann durch ergänzende Maßnahmen, wie z.B. Wohnungsbesichtigungen, geklärt werden.

Der Vertriebsleiter der Stadtwerke Münster, Dr. Drepper, verkündet in den „Stadtwerke Nachrichten“ vom 10.01.2009 hinsichtlich der anlaufenden Versuchsreihe in 3 Stadtteilen mit einigen Hundert Smart Meter Zählern:

„Unsere Kunden erleben in Zukunft völlig neue Möglichkeiten, ihren Energieverbrauch aktiv zu managen. Es wird Spaß machen und „in sein“, Energie bewußt und sparsam zu verwenden.“

Welcher Miesmacher will schon seinen in Krisenzeiten ohnehin nicht durch gute Nachrichten verwöhnten Mitmenschen den Spaß verderben? Gerade wir Deutschen, deren Gewissen nahezu täglich durch aufgewärmte Berichte historischer Greueltaten aufs schwerste belastet wird, sollten für jede noch so kleine Gewissensentlastung – und sei es als „Klimaschützer“ – dankbar sein!