Jede Stele eine Talmud-Seite

B. Ullrich (angeregt durch ein Flugblatt des Verlag Anton A. Schmid)

Bekanntlich steht inmitten der Hauptstadt Deutschlands, im Herzen von Berlin, ein Mahnmal zur Erinnerung an die während der Zeit des 2. Weltkrieges umge­kommenen Juden. Die Grundfläche dieses gigantomanischen Mahnmals beträgt 19.073 Quadratmeter, auf denen 2.711 hohle, rechteckige Betonstelen in unter­schiedlichen Abmessungen stehen.

In einem Werbeprospekt auf www.stiftung-denkmal.de sind einige häufig ge­stellte Fragen aufgelistet, unter anderem diese:

Warum sind es 2.711 Stelen und aus welchem Material sind sie? —

Antwort: „Die Zahl von insgesamt 2.711 Stelen ergibt sich aus den vom Archi­tekten für den Standort gewählten Maßen. Sie hat keine symbolische Bedeu­tung oder Beziehung zur Zahl der Opfer.“

Wem es schwerfällt, an eine zufällige Anzahl von Stelen zu glauben, dem sei empfohlen, die Zahl 2.711 einmal als Suchwort in eine Weltnetz-Suchmaschine einzugeben. Dabei kann man interessante Sachverhalte gewahr werden.

Die Seite www.israelheute.com informiert den Leser mit Datum 11. Mai 2005 – zufällig genau am Tag vor der „Übergabe des Mahnmals an die Öffentlich­keit“ -, daß vor kurzem „der Zyklus des Talmud- Studiums, von dem tagtäglich eine Seite gelernt wird“, endete. „Dies geschieht in Synagogen und anderen Orten in aller Welt, wo sich Juden befinden.“ Weiter erfahren wir: Dieses “Eine Seite pro Tag - Studium” (auf Hebräisch „Daf Jomi“) ermöglicht das Lernen aller 63 Talmud-Traktate mit 2.711 Seiten innerhalb von 7 ½ Jahren. Eine Seite pro Tag beinhaltet die Vorder- und die Rückseite. Diese Art des Talmudstudiums wurde vor 82 Jahren in Wien von dem polnischen Rabbiner Meir Schapiro ins Leben gerufen. Die Beendigung des Lern-Zyklus war in der jüdischen Welt ein besonderes Ereignis, das in jeder kleinen Betstube oder Synagoge „gefeiert“ wurde. Es vereint die Juden auf aller Welt. Einen Tag darauf wurde dieser Zyklus erneut auf Seite 1 begonnen.“1

2.711 Seiten, die alle 63 Talmud-Traktate umfassen – und diese Zahl 2.711 soll der Stiftung Denkmal nicht bekannt sein?

Aber halt! Das muß man natürlich genau lesen. Es wird lediglich der Bezug dieser Zahl zur Zahl der Opfer verneint, was ja nicht wirklich gelogen ist. Es kommt eben immer auf die genaue Fragestellung an.

Nun liegen also im Herzen der deutschen Hauptstadt 2.711 Betonstelen wie 2.711 Seiten eines aufgeschlagenen Talmuds herum. Ganz zufällig, versteht sich...

1 Zur Ergänzung: Am 11. September 1923 begann der erste 7,5 Jahreszyklus genannt Siyum HaShas. Dieser 11.9. war nach jüdischem Kalender der erste Tag von Rosh Hashanah 5684, den 2 jüdischen Neujahrstagen. Der 11. kom­plette Zyklus endete am 1. März 2005.