Krisengipfel als
Weltberuhigungspille
B. Ullrich
Der Finanzkrisengipfel der
G-20 Staaten in Washington am 15. November sollte die Rettung bringen, die
Alles-wird-wieder-gut-Wende für die in den Finanzstrudel mit hineingerissene
Weltwirtschaft. Eine Weltfinanzreform war angesagt worden, und wie immer, wenn
der Wortteil –reform verwendet wird, ist äußerstes Mißtrauen berechtigt
- siehe Rentenreform, Gesundheitsreform, Arbeitsmarktreform usw. Noch
bedrohlicher klingt die merkelsche Vokabel von einer neuen Finanzmarktverfassung.
Was sind nun die wichtigsten
Ergebnisse dieses „historischen Gipfels“, wie ihn der französische Präsident
Nicolas Sarkozy nannte?
Die Finanzmärkte sollen „mit
einem lückenlosen Überwachungsnetz versehen“ werden, das alle derzeit
vorhandenen Überwachungslücken schließen soll. „Gleichzeitig bekannten sich die
Teilnehmer der zweitägigen Konferenz zur freien Marktwirtschaft und erteilten
jeglicher Art von Protektionismus eine Absage“ – mit anderen Worten, ein
Systemwechsel findet nicht statt.
Künftig sollten „alle
Finanzmärkte, Produkte und Akteure reguliert oder überwacht werden“, heißt es
in dem Papier. Rating-Agenturen müssen sich registrieren lassen. Sie sollen
offener agieren und werden künftig der Finanzmarkt-Aufsicht unterworfen (das
ist die, die es schon immer gab, aber anscheinend bisher weggeguckt hat).
Auch Hedge Fonds sollen strengeren Regeln unterworfen werden. Banken sollen
dazu verpflichtet werden, ihr eigenes Risikomanagement zu stärken (so wie
die Freiwillige Selbst-Kontrolle der Filmwirtschaft, die stetig die
Altersempfehlung für gewalttätige und pornografische Filme heruntersetzt?).
Die Regierungen wollen zudem gemeinsam gegen Steueroasen vorgehen. Verweigerten
die Steuerparadiese die Zusammenarbeit, soll gegen sie rigoroser vorgegangen
werden. Ein Schwergewicht liegt auf der Überarbeitung von Bilanzierungsregeln
und deren Harmonisierung.
Soweit die Informationen aus
FAZ.net vom 16.11.08
Unterm Strich klingt das so,
als wollten die Hauptnutznießer des globalen Finanzkasinos in Zukunft strengere
Maßstäbe an diejenigen Mitläufer anlegen, die man zur Stütze des Systems bisher
am Spieltisch geduldet hatte, deren Verfallsdatum aber nun abgelaufen ist.
Wieso?
Nun, dies ergibt sich aus
folgender Überlegung:
Die Abschlußerklärung des
Gipfeltreffens stellt zu den Ursachen der Krise fest: „Politiker und
Überwachungsinstanzen in einigen entwickelten Ländern haben nicht richtig die
Risiken eingeschätzt, die in den Finanzmärkten entstanden sind.“ Daher werden
neue globale Kontrollgremien gefordert. An der Überwachung der Märkte sollen
neben (den Ausplünderungswerkzeugen) IWF und Weltbank auch das Forum für
Finanzstabilität (FSF) und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ)
mitwirken. Doch was ist an diesen Überwachungsgremien „neu“? Die gab es alle
schon vor der jetzigen Krise, ebenso wie die Bundesanstalt für
Finanzdienstleistungen Bafin, deren Chef sich bekanntlich nicht zuständig
fühlte für Finanzprodukte, die in einem so weit entfernten Winkel der Erde wie
den USA auf den Markt geworfen wurden.
Das erwähnte Forum für
Finanzstabilität (Financial Stability Forum) wurde 1999 auf Initiative der G7
gegründet, um „die Stabilität des internationalen Finanzsystems zu stärken,
die Funktionsfähigkeit der Märkte zu verbessern und Systemrisiken zu
vermindern.“ Dem Forum gehören hochrangige Vertreter der Finanzministerien,
Zentralbanken und Aufsichtsbehörden der G7-Länder und fünf weiterer bedeutender
internationaler Finanzplätze sowie Repräsentanten wichtiger internationaler
Institutionen und Gremien an, die sich mit Fragen der Finanzstabilität
befassen. Zu den Aufgaben des Forums gehört es
·
regelmäßig
die Lage an den internationalen Finanzmärkte zu analysieren, um ggf.
Schwachstellen frühzeitig zu identifizieren,
·
Vorschläge
zu ihrer Beseitigung zu erarbeiten und ihre Umsetzung zu verfolgen
·
sowie
die Koordination und den Informationsaustausch der verschiedenen Behörden,
Institutionen und Gremien zu verbessern, die für Fragen der Finanzstabilität
zuständig sind.
Das Forum tagt zweimal
jährlich – das macht seit 1999 in etwa 18 Tagungen. In ihm sind 12 Länder
vertreten sowie folgende internationale Institutionen und Gremien:
·
Bank
für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ)
·
Basler
Ausschuß für Bankenaufsicht (bei der BIZ verankert)
·
Ausschuß
für das globale Finanzsystem (bei der BIZ verankert)
·
Ausschuß
für Zahlungsverkehrs- und Abrechnungssysteme (bei der BIZ verankert)
·
Europäische
Zentralbank (EZB)
·
Internationale
Organisation der Wertpapieraufsichtsbehörden IOSCO
·
Internationale
Vereinigung der Versicherungsaufsichtsbehörden IAIS
·
Internationaler
Währungsfonds (IWF)
·
Internationale
Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Weltbank)
·
Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
·
Ausschuß
für Zahlungsverkehrs- und Abrechnungssysteme (bei der BIZ verankert)
·
Ausschuß
für internationale Standards der Rechnungslegung IASB
Alle in diesem Forum und den
anderen überstaatlichen Finanzinstitutionen tätigen „Experten“ müssen ihre
Aufgaben während der letzten Jahre nach dem bekannten Drei-Affen-Prinzip (nix
hören, nix sehen, nix sagen) ausgeführt haben. Oder wie sonst ist das weltweit
kollektive „Versagen“ aller Finanzexperten zu erklären?
Sonst bleibt nur noch übrig,
ihnen anstelle von Unfähigkeit Absicht zu unterstellen, was Absprache
untereinander und gemeinschaftliches Wollen voraussetzt. Dies wiederum führt
zwingend zu der Schlußfolgerung, daß wir es mit einem, angesichts der globalen
menschenverachtenden Auswirkungen besonders abscheulichen, Fall Organisierter
Kriminalität zu tun haben!