Sind Demokraten Verschwörer?
B. Ullrich
Eindeutig JA – zumindest
konnte man dies im Mai 2011 gleich 2x beim Kölner Stadt-Anzeiger nachlesen. Am
2. Mai gab es eine Reportage über das Kanzleramt, von dessen Dachterrasse aus
man spektakuläre Blicke über die Stadt Berlin werfen kann. „Die Menschen, die
Autos, die Züge sehen aus wie Spielzeugfiguren. Da muß man schon aufpassen,
nicht abzuheben“, wird ein Beschäftigter zitiert. „Zumal sie sich hier oben
schon als etwas Besonderes empfinden“, schreibt die Zeitung weiter. „Vielleicht
nicht als Elite, das ist ein Wort, das in der Umgebung der doch ziemlich
geerdeten Angel Merkel keine rechte Heimat hat. Aber wie eine verschworene
Gemeinschaft sehen sich die meisten hier doch.“
Verschworen? „Niemand wird
zufällig ins Kanzleramt versetzt. Es sind schon die Klügsten, die Fleißigsten,
die Engagiertesten, die in die Zentrale der Macht gelangen.“ Michel, magst
ruhig schlafen oder miese Kanzler wählen – im Hintergrund wirken die Besten zu
deinem Besten?
„Es galt schon immer als
etwas Besonderes, im Kanzleramt beschäftigt zu sein. Und wer diese Station in
seinem Lebenslauf aufzuweisen hat, wird in der Regel weiter aufsteigen. Er
gehört für immer zu einer verschworenen Gemeinschaft.“
Schon wieder dieses Wort!
Und damit auch gar niemand vergißt, wem er als BRD-Demokrat wirklich im Geiste
„verschworen“ ist, heißt die dem Kanzleramt zugewandte Seite von Hauptbahnhof
„Washingtonplatz“.
Der „Pariser Platz“ auf der
anderen Seite der Regierungsgebäude, vielleicht 1 km Luftlinie vom
Washingtonplatz entfernt, bietet eine schöne Überleitung zum nächsten
Verschwörungsartikel vom 23. Mai. Anläßlich des Falles Dominique Strauß-Kahn
titulierte der KStA „Eine Kaste für sich - Frankreichs Elite gilt als
verschworene Gemeinschaft“.
Also auch hier dasselbe
Phänomen – hier das Volk, dort die Kaste der Mächtigen. „Ob rechtsbürgerlich
oder sozialistisch, ob Spitzenpolitiker oder Spitzenmanager: Die meisten
stammen aus wohlhabendem, traditionell einflußreichem Haus. Sie haben eine
teure Elitehochschule besucht und mit den Kommilitonen eine fürs weitere
berufliche Fortkommen wichtige Bande fürs Leben geknüpft. Als verschworene
Gemeinschaft bestimmen sie nach der Ausbildung die Geschicke des Landes.“
Was die Elitehochschule
betrifft, ist Sarkozy eine Ausnahme, aber es gibt ja schließlich auch noch
andere starke „Bande“.
Bekanntermaßen sind die
Verhältnisse in England und den USA ähnlich, so daß man verallgemeinernd davon
ausgehen kann, daß in einer repräsentativen bzw. parlamentarischen Demokratie
die Geschicke des Landes von Verschwörern geleitet werden. Hinzu kommen die
supranationalen Gremien wie Bilderberger, Trilaterale Kommission, EU-Kommission
und diverse Gipfeltreffen, auf denen Absprachen getroffen und Maßnahmen
koordiniert werden.
verschwören (mhd.), ich verschwöre 2)
mich mit ihm, treffe eine geheime Verabredung gegen jemanden. Die Verschwörung,
geheimer Plan, Anschlag, bes. gegen den Staat (-> Geheimbündelei, ->
Komplott) Brockhaus 1938