Italienische Zeitbombe

B. Ullrich

Angesichts der engen Vernetzung von Politik und Mafia weit über Italiens Grenzen hinaus stellt sich die Frage, ob es vielleicht genau daran liegt, daß Italien mit seinem Schuldenberg in den Medien kaum erwähnt wird. Hierzu brachte die Nachrichtenseite www.heise.de am 18.02.2010 einen interessanten Artikel mit dem Titel „Italien ist größte Gefahr für den Euro". Dort wird der Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Mundell zitiert, nach dem Griechenland nur ein "lokales Problem" sei, viel schwieriger sei es, Italien zu retten.

Warum? Italien hat mit 1,8 Billionen Euro die höchsten Schulden aller Euro-Länder, während Spanien "nur" auf 1,15 Billionen kommt (in einer Grafik im Kölner Stadt-Anzeiger vom 28. April 2010 sind für Spanien sogar „nur“ 560 Milliarden öffentliche Schulden angegeben, während Italien dort Spitzenreiter der „PIIGS“-Staaten ist mit 1,761 Billionen). Italien hält, so schreibt Mundell1, rund ein Viertel aller europäischen Staatsschulden, die dieses Jahr rund 117 Prozent des BIP erreichen sollen. Damit wird Italien nur noch von Griechenland übertroffen, das auf rund 125 Prozent kommen dürfte. Die Krise Griechenlands sei ebenso wenig eine Euro-Krise, wie die Zahlungsunfähigkeit von Kalifornien eine Dollar-Krise wäre. Mundell sieht es sogar als Vorteil an, daß der überbewertete Euro derzeit im Kurs abfällt, weil sich dadurch die Konkurrenzfähigkeit der Eurozone erhöht.

Zwar hat Italien keine Immobilienblase und der vergleichsweise geringen privaten Verschuldung steht eine hohe Sparquote gegenüber. Allerdings sei Italien laut CIA Factbook im Ausland dennoch mit insgesamt 2,328 Billionen Dollar verschuldet und soll im Vorjahr ein Handelsbilanzdefizit von 55 Mrd. Euro erreicht haben. Wenn auch die Italiener beteuern, daß all ihre Schuldenangaben absolut korrekt wären, so wurde doch bekannt, daß sich Italien – parallel zu den griechischen Tricksereien - schon 1996 von der US-Bank JP Morgan dabei hatte helfen lassen, die Maastricht-Kriterien trotz hoher Budgetdefizite zu erreichen. Auch hier wurden Währungsgeschäftegetätigt, bei denen zuerst zu einem für Italien sehr günstigen Kurs getauscht wurde, was sofort Geld in die italienischen Kassen spülte. Dabei wurden die künftigen Zahlungsverpflichtungen Italiens hingegen nicht als Schulden verbucht. Anscheinend wurden italienische Angaben ebenso wenig überprüft wie die der Griechen vor ihrem Eintritt in die Eurozone. Und noch 2008 stellte Eurostat – das für Statistiken in der EU zuständige Amt - fest, daß "einige Verbriefungen offenbar bewußt so strukturiert wurden, daß ein vorgegebenes bilanzielles Ergebnis erzielt wird, unabhängig von dessen ökonomischer Sinnhaftigkeit". Das ist die EU-offizielle Neusprech-Umschreibung für Betrug.

Beängstigend ist auch die nachfolgende Feststellung des Heise-Autors (Fettdruck von mir): „An den Anleihemärkten gilt Italien neuerdings allerdings fast schon als Musterschüler. So waren die aktuellen Schuldenemissionen stark überzeichnet, was sich Händler damit erklären, daß Italien schon immer mit sehr hohen Defiziten und Schulden sowie etlichen Mauscheleien geglänzt habe. Daran hätte sich zwar nichts geändert, nur hätten andere Staaten inzwischen zu Italien aufgeschlossen oder sogar noch üblere Praktiken an den Tag gelegt. Allerdings sei der Regierung Berlusconi einiges zuzutrauen. Sollten etwa massive Schönrechnereien bei den Budgetzahlen bekannt werden, könne die Stimmung schnell umschlagen und ein "Run" auf Italien einsetzen. Der italienische Notenbankgouverneur und Kandidat für die nächste EZB-Präsidentschaft (!!!) Mario Draghi mahnte, daß in einem Land mit hohen Staatsschulden wie Italien nur ausreichendes Wirtschaftswachstum stabile Finanzen sichern könne. Doch dafür seien strukturelle Reformen nötig, die in Italien seit 15 Jahren auf sich warten ließen.“

Angesichts des hingebungsvollen Einsatzes der größten us-amerikanischen Bankkonzerne Goldman Sachs und JP Morgan für europäische Schwachwährungsländer kommt einem der Orakelspruch von Alan Greenspan in den Sinn, der da lautete: „Der Euro wird kommen, aber er wird keinen Bestand haben“. Der wird wohl gewußt haben, warum! Und er wird auch gewußt haben, daß die Gemeinschaftswährung nur als ein weiteres Ausplünderungsinstrument insbesondere der wirtschaftlich starken europäischen Länder geplant und eingeführt wurde.

Ohne eine Abschaffung der schuldenbasierten Staatsfinanzierung, der Spekulation und der „kreativen Finanzmärkte“ mit ihren Geldschöpfungshebeln, sowie eine radikale Bekämpfung organisierter Kriminalität auf allen Ebenen – mithin ohne eine Entmachtung der Plutokraten – werden die finanziellen Probleme aller Völker der Erde nicht zu lösen sein!

Aufklärung über diese betrügerischen Machenschaften ist der erste Schritt dazu.

1 www.zerohedge.com/article/euro-creator-robert-mundell-greece-not-biggest-threat-euro-italy