Korrumpierte Sittlichkeit
B. Ullrich
„Viele deutsche Top-Manager
haben im Laufe der Karriere einstige Ideale verraten. 57 Prozent der
Führungskräfte quält mehrmals im Jahr das schlechte Gewissen, weil ihr Handeln
mit früheren Wertvorstellungen nicht vereinbar ist, wie aus einer
Umfrage...hervorgeht. Bei 72 Prozent der Führungskräfte haben sich die
moralisch-ethischen Maßstäbe während des Berufslebens verschoben. 47 Prozent
der Manager beobachten in ihrem beruflichen Umfeld regelmäßig moralisch
verwerfliches Handeln. Ein Viertel der Befragten gab zu, schon mit der
Verantwortung für ihr erstes berufliches Projekt gegen die eigenen
Moralvorstellungen gehandelt zu haben. Die meisten Befragten machten die
Verhältnisse in ihrer Branche dafür verantwortlich, daß sie gegen ihre Ideale
handeln müssen, um sich durchzusetzen.“1
Ist das nicht interessant?
Die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft, besser der Wirtschaft in
Deutschland, geben mehrheitlich an, gegen ihre sittlich-moralischen
Vorstellungen handeln zu müssen, um ihren Beruf ausüben zu können!
Daß sich mehr als die Hälfte
der Manager bei dem, was sie tun, nicht wohl fühlt, läßt hoffen. Es ist eben
nicht so einfach, die uns innewohnende alte deutsche Seele zu verleugnen.
Diese alte deutsche Seele verlangt nicht nach Beherrschung anderer, sondern
nach Freiheit, nicht nach materiellem Tand, sondern nach ideellen Werten, wie
sie sich in Jahrtausenden herausgebildet haben und immer an die Nachkommen
weiter vermittelt wurden – nach Werten wie Freiheit, Sittlichkeit,
Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit. Den anderen um jeden Preis,
nur um des Profits willen, über oder unter den Tisch zu ziehen, tausende
bewährte Mitarbeiter auf dem Altar des Shareholder-Value zu opfern, einen
gnadenlosen Konkurrenzkampf zu entfachen und durchzustehen, Arbeitsplätze zur
besseren Ausbeuterei in Billiglohnländer und Sonderwirtschaftszonen zu
verlegen und dafür womöglich noch Subventionen zu kassieren – all dies ist
„artfremdes Verhalten“, das den deutschen Manager in größten Zwiespalt mit
seiner Seele versetzt. Um diese Spannung zu mildern, können die
Bestechungsgelder – sprich Managergehälter – kaum hoch genug sein. Dies sollte
aber nicht zu dem Umkehrschluß verleiten, daß in den höchstbestochenen
Managern die Seele am deutschesten schlägt!
Ebenfalls ist
die Feststellung interessant, daß die Manager in ihrem Umfeld und an sich
selber unmoralisches bzw. „moralisch verwerfliches Handeln“ feststellen. Das
bedeutet, sie tun etwas oder beobachten am Tun anderer etwas, das gegen die
Moral oder die guten Sitten verstößt.
Nun heißt es
bekanntlich im Grundgesetz für die BRD in Artikel 2, Absatz 1: „Jeder
hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht
die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung und
das Sittengesetz verstößt.“
Ein
Regierungssprachrohr klärte auf Nachfrage über das Sittengesetz wie
folgt auf: „Das Sittengesetz" existiert nicht
als eine Sammlung von Vorschriften, es wird vielmehr von der Verfassung als
gegeben vorausgesetzt... Der Verweis auf das „Sittengesetz" soll den
Gesetzgeber an die ethischen Traditionen erinnern... Sittliche Vorstellungen
der Bevölkerung oder Wertvorstellungen der Allgemeinheit, die keinen
Niederschlag in der verfassungsmäßigen Ordnung gefunden haben, sind nur schwer
vorstellbar.“
Die
Aussagen sind zwar sehr schwammig, aber es läßt sich durchaus so auffassen,
daß Gesetze so verfaßt werden sollen, daß ihre Auswirkungen nicht zu Zuständen
führen, die unseren traditionellen Sittengesetzen zuwiderlaufen.
Anders
ausgedrückt: Gesetze haben sich nicht nur an einem durch parlamentarische
Mehrheiten veränderbaren Grundgesetz, sondern vor allem anderen am
Sittengesetz zu orientieren. Anscheinend herrschen aber mittlerweile in der
Wirtschaft Zustände, wo die Sitten eher an den Wilden Westen erinnern
als an unsere ethischen Traditionen. Und da bei uns alles per Gesetz geregelt
ist, gibt es nur die Schlußfolgerung, daß entweder andauernd gegen Gesetze
verstoßen wird, oder aber, daß die Gesetze, welche die Wirtschaft regulieren,
sich in Teilen gerade nicht an unserer überlieferten Sittlichkeit
orientieren, mithin ihre Grundgesetzkonformität zu wünschen läßt – Witzbolde
könnten solche Gesetzgeber als „Verfassungsfeinde“ bezeichnen.
Wenn
unsere Wirtschaft in einem solchen sittlich/moralisch verkommenen Zustand ist,
daß sogar hochbezahlte Manager bei ihrer beruflichen Tätigkeit in Gewissensnöte
kommen, dann stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Gewissen derjenigen,
die für die Gesetze in unserem Land verantwortlich sind! Offenkundig werden die
Spielregeln für die Wirtschaft woanders, also außerhalb des
Geltungsbereiches des BRD-Grundgesetzes und erst recht jenseits unseres
uralten Sittengesetzes, entworfen und für alle als verbindlich festgetackert.
Wie das „Spiel“ abläuft, können wir Außenstehende z. B. dem Buch „Asoziale
Marktwirtschaft“ entnehmen – siehe Bücherempfehlung hinten – oder dem Buch
„Politisch denken – Wirtschaft und Politik“ von Gerrit Ullrich.
1 Kölner Stadt-Anzeiger 3.12.07 S. 9