Das Märchen vom Reformstau

B. Ullrich / G. Ullrich

Die Ratlosigkeit der Mutigen“ tituliert der Kölner Stadt-Anzeiger am 1. Mai 2008 über einem Foto von Ex-Bundespräsident Herzog und Ex-Superminister Clement anläßlich der Präsentation des gemeinsamen Buches „Mut zum Handeln – wie Deutschland wieder reformfähig wird“.

 

Das ist ein wirklich gelungener Trick: Andauernd wird von irgendwoher – von Politikern und Lumpenprominenzlern, aber auch aus dem Ausland und von übernationalen Institutionen – der BRD vorgeworfen, sie befinde sich in einem Reformstau oder sogar im Stillstand anstatt in irgendeinem, wohin auch immer führenden, Fortschrittsprozeß. Dabei erfolgen die gesellschaftlichen „Reformen“ seit der buchstäblichen „Wende“ von 1990 in einem derart atem­beraubenden Tempo, daß man schon von Umbrüchen, wenn nicht gar Abbrü­chen, reden muß, wenn man eine zutreffende Bezeichnung sucht. Der Ein­druck vom „Reformstau“ entsteht beim braven Medienkonsumenten nur, weil sich nichts zu seinem Vorteil ändert. Und woher sollte er auch auf die Idee kommen, daß es bei den propagierten „Reformen“ weder um seinen Vorteil noch um sein Wohlergehen geht, sondern allein um die für die plutokratische Weltherrschaft (=Globalisierung) nötigen Anpassungen unserer Lebensord­nung?

 

Die plutokratischen Kräfte der „Antischöpfung“ scheinen sich ein Wettrennen mit den aus allen Völkern erwachsenden Widerständlern zu liefern. Die „nor­mative Kraft des Faktischen“ überrollt die Parlamente schneller, als diese die passenden Gesetze „grundgesetzkonform“ nachliefern können. Das nur noch äußerlich menschenähnliche Endprodukt der Globalisierung – der weltweit einsetzbare Arbeitsklon – muß schneller geschaffen werden, als die Wider­ständler „Geschrei und Aufstand“ anregen können. Und da sich eine Demo­kratie von einer Diktatur nur durch die Heuchelei unterscheidet, mit der die vorgegebenen Ziele durchgesetzt werden, lamentiert die Lumpenelite über „notwendige Reformen“, über „Chancengerechtigkeit“, „Flexibilität“, be­gründet ihre unpopulären Maßnahmen mit Klimawandel, Terrorismus, Schuldenbergen, Integrationszwängen, EU-Richtlinien, Wettbewerb oder Frei­heit der Märkte.

 

Gerrit Ullrich, der Begründer des Wilhelm Kammeier Vereins, führte das in seinem Hauptwerk „Der gefälschte Mensch“1 im Kapitel über die Welt­anschauung wie folgt aus:

Nicht mehr Revolutionen führen zu revolutionären Veränderungen, son­dern diese sind heute durch glatten Betrug ersetzt. Die Völker werden von ihren eigenen, demokratisch gewählten Politikern, die zwar vorgeben, mit ihrer Politik einzig für die bisherige Weltanschauung zu wirken, getäuscht und letztlich gar um ihre Weltanschauung und alle darin enthaltenen geis­tigen Werte betrogen.

Nach wissenschaftlich kunstvoll ausgearbeiteten Konzepten, getarnt hinter einem Geflecht zurechtgelegter Interpretationen und manipulierter In­formationen, werden so Schritt für Schritt Fakten geschaffen, deren wahrer Sinn und Zweck möglichst lange verborgen gehalten wird.

Verfügen irgendwann alle Völker und Nationen über eine einheitliche und identische Weltanschauung, so haben damit auch alle nationalen Grenzen und Abgrenzungen ihren Sinn und Wert verloren....

Die heutige Zeit strebt mit aller Macht der Einen Welt entgegen. Der Welt der einen Menschheit, die alle Grenzen der Rassen, Völker und Welt­anschauungen überwinden soll. Alle Kulturen, Weltanschauungen und Völker haben sich verloren und machen die letzten Schritte auf dem Weg zur allgemeinen Einheit. Eine Welt, eine Menschheit, eine Weltanschau­ung, losgelöst von jeder Kultur. Ein Eintopf, bei der der Mensch auf der Strecke bleibt, zur niedrigsten Kreatur wird und noch nicht einmal zum Fettauge taugt.

Sieht man bei der aktuellen Entwicklung genauer hin, so zeigt sich etwas äußerst Widersinniges. Völker werden durcheinandergewirbelt, ihre Einheit wird aufgelöst. Und ohne daß es die betroffenen Völker bemerken, verschwindet ihre jeweilige, jedes einzelne Volk zuvor zusammengehal­tene Weltanschauung und damit auch die ihr zugrundeliegende Kultur. Die Menschheit wird zur unförmigen, gestaltlosen Masse „freier“ Individuen, bei der einzig staatliche Verbote und Restriktionen die eigentlich zwangs­läufige Anarchie verhindern. Nicht mehr Weltanschauung, Sitte und Kultur gebieten dem Einzelnen seine Pflicht und sein Gewissen. All solche Bindung, alle daraus gegebene Verbindlichkeit ist ausgelöscht und aufge­hoben. Einzig die auf den Interessen von einflußreichen Gruppen und Kor­porationen - keinem Volk mehr verpflichtet - erlassenen Gesetze schaffen neue, künstliche, unter Einsatz aller technologisch gebotenen Mittel ord­nungspolitisch durchgesetzte und überwachte Verbindlichkeiten. Nicht mehr die gemeinsame Weltanschauung, Kultur, Sitte, Pflicht und das ge­meinsame Gewissen verbinden, sondern einzig Gesetze steuern das Mit- oder auch das Gegeneinander der Einheitsmenschen. Eine haltlos gemach­te, um ihre Identität betrogene Menschenmasse wird beliebig neu geordnet und gruppiert und je nach Bedarf gegeneinander gehetzt, um so die poli­tische Spielwiese für die eigentlichen Ziele freizumachen.

Eine alle Völker umfassende „Weltanschauung“ befindet sich in der Durchsetzung. Die Weltanschauung vom Glauben an den Stoff und die äußere Erscheinungswelt, der „friedfertige“, auf militärische Überlegenheit gestützte Standard-Materialismus. Die Maßstäbe des politischen, gesell­schaftlichen und persönlichen Lebens sind nur noch dem wirtschaftspoli­tischen Gedankengut entnommen, wobei jede einzig am Materialismus ausgerichtete Politik den großen Vorteil hat, daß sie sich keinerlei eigene Einschränkung, seien es irgendwelche Pflichten, seien es Sittlichkeiten oder gar ein Gewissen, auferlegt. Sind dies doch Begriffe, die im Mate­rialismus eher mitleidig belächelt werden und einzig für dessen Propagan­disten noch zweckmäßig sind. Damit bleibt nichts anderes, als auch das sittliche Handeln aus Zweckmäßigkeits- und Nützlichkeitserwägungen ir­gendwelcher Art oder aus irgendwelchen materialistisch erzeugten Ge­fühlsstimmungen abzuleiten und auf das reine Glücksstreben der Einzelnen einzustellen.“

 

Was den „Reformen“ vor allem im Weg steht, das ist die Trägheit der davon betroffenen Menschen. Die meisten Menschen können und wollen sich nicht so schnell von alten, liebgewordenen Gewohnheiten und Denkweisen lösen, wie es die weltweiten Gleichschalter gerne hätten. Daher muß ständig von dringend notwendigen Reformen geredet werden, die sein müssen, damit wir an den Segnungen der Globalisierung teilhaben können.

Lügen muß man dauernd wiederholen, weil man sie nicht beweisen kann! Je umfassender die Propaganda, desto größer die Lüge! Doch einerlei, von wie vielen Mietmäulern die plutokratischen Lügen propagiert werden – zur Wahr­heit werden sie dadurch noch lange nicht! Und „Mut zum Handeln“ benötigen nur die, die gegen den plutokratisch kanalisierten Strom schwimmen wollen!

1 „Der gefälschte Mensch“ Teil A, G. Ullrich, GUWG-Verlag 2004