Ein Rüstungsgroßaktionär als Friedensengel [1]

B. Ullrich

Im November 1900 erschien in der Zeitschrift „Punch" eine Karikatur mit der Unterschrift: „The more the Empire expands, the more the Chamberlains contract" — je weiter sich das Empire ausdehnt, desto mehr Geschäfte macht die Familie Chamberlain. Am 10. Dezember 1900 erhob sich im Parlament ein junger Rechtsanwalt mit dem damals noch fast unbekannten Namen David Lloyd George. Er brachte vor, daß der Kolonialminister Joseph Chamberlain und sein Sohn Austen Chamberlain an drei Gesellschaften beteiligt seien, die während des Burenkrieges vom Staate unter Ausschließung der sonstigen Konkurrenz riesige Rüstungsgewinne gemacht hatten. Die erste dieser Firmen hieß Hoskins & Sons, Limited. Lloyd George konnte dem Haus mitteilen, daß diese Firma, die allein auf Rechnung der Admiralität arbeitete, sich bis auf einen kleinen Anteil völlig in der Hand der Familie Chamberlain befände. Die zweite Firma war der Birmingham Trust. An ihm erwies sich die Familie des Kolonialministers als mit 67 000 Pfund Sterling beteiligt. Dieser Birmingham Trust war eine Dachgesellschaft, in der wiederum zwei Rüstungsbetriebe vereinigt waren, nämlich die Tubes Limited und die Elliotts Metal Company. Die Tubes Ltd. befand sich im Besitz des Bruders des Kolonialministers, des Mr. Arthur Chamberlain, der 74 800 Aktien dieser Gesellschaft in seinen Händen hatte. An der Spitze der Elliotts Metal Co. aber stand des Kolonialministers zweiter Sohn, Mr. Neville Chamberlain. Was die Elliotts Metal Co. anging, so konnte Lloyd George darauf hinweisen, daß der Chamberlain-Clan insgesamt Aktien im Werte von 121 000 Pfund Sterling von dieser Gesellschaft in Händen hielt, die insbesondere zur Ausrüstung der Docks der Kriegsflotte Ihrer Majestät herangezogen worden sei. Allerdings habe der Kolonialminister drei Jahre vorher seinen Anteil auf seinen Sohn Neville Chamberlain übertragen. Bei dem dritten Unternehmen handelte es sich um die Colombo Commercial Company, eine Spekulationsgesellschaft, die in Ceylon Handel der verschiedensten Art trieb. Unter anderem baute sie die eisernen Baracken für die Konzentrationslager in Ceylon, in die Tausende von Gefangene aus dem Burenkrieg verbracht wurden.

Lloyd George kam schließlich darauf zu sprechen, daß die Familie Chamberlain an der Kynoch Company, Limited mit 250 000 Pfund Sterling interessiert sei, einer Munitionsfabrik, die während des Burenkrieges ganz erhebliche Gewinne gemacht habe, die zum Teil daher rührten, daß dieser Gesellschaft Munitionsmengen zu einem wesentlich höheren Preis abgenommen wurden als anderen Gesellschaften.

Der Zweck der großen Anklagerede Lloyd Georges gegen die Familie Chamberlain vom 10. Dezember 1900 war, das Unterhaus zu veranlassen, ein Gesetz anzunehmen, durch das allen Ministern verboten werden sollte, sich an Gesellschaften zu beteiligen, die Geschäfte mit der Regierung machten... Der Angriff des Außenseiters aus Wales richtete sich gegen die ganze Kaste schlechthin. Das empfand sie instinktiv. So wurde der Angriff mit dem demokratischen Mittel der Mehrheitsabstimmung abgewehrt. ... Tatsächlich aber hat diese Parlamentsdebatte aus dem Jahre 1900 die Wurzeln jenes Systems aufgedeckt, aus denen die britische Oberschicht ihre Macht entfaltet hat. Denn England ist politisch gesehen das Parlament, aus dem wieder das Kabinett hervorgeht. Das Parlament aber ist nicht eine Vertretung des Volkes, wie es das Schlagwort der Demokratie glauben machen will, sondern ein von hundert bis zweihundert Familien beherrschter Clan, in dem sich die ganze ungeheure Handels- und Finanzmacht Englands, ja des britischen Weltreiches mit der Ausübung der politischen Macht verbindet. Ein Weltreich führt Krieg — für hundert Familien. Das ist keine propagandistische Redensart, als die es auf den ersten Blick erscheinen mag. Das ist die Wirklichkeit. Plutokratie — das ist die Alleinherrschaft der Finanzgewaltigen in einem Volk.“

Weitere Beziehungen von Neville Chamberlain zur Rüstungsindustrie: Er war Direktor des zweitgrößten britischen Rüstungsbetriebes, der Birmingham Small Arms Co.. Diesen dortigen Posten legte er erst nieder, als er aktive Staatsämter zu übernehmen begann, wobei er jedoch Großaktionär blieb. Sein Aktienbesitz in der Elliotts Metal Co. betrug 23 250 Aktien. Diese Firma hatte sich mit den Imperial Chemical Industries verbunden, einem riesigen britischen Chemietrust, von dem Chamberlain 5 414 gewöhnliche und 833 Vorzugsaktien hatte. Für 1939 wird Neville Chamberlains Besitz in I. C. I.-Aktien auf 11 000 beziffert. Sein Sohn Francis Chamberlain war in die ebenfalls mit den I. C. I. verkoppelten Kynoch-Werke eingetreten, eine Munitionsfabrik, die bereits 1900 eine Rolle bei dem Skandal um Joseph Chamberlain spielte. Am 12. Juli 1926 wurde im Parlament vom Außenminister der beiden Labourkabinette, Arthur Henderson, der damalige Gesundheitsminister Neville Chamberlain offen der Korruption angeklagt. Er erklärte, Neville Chamberlain habe nach seinem Eintritt in das Kabinett seine Direktorenposten in den beiden Firmen Hoskins & Sons und Elliotts Metal Co. nicht niedergelegt, obwohl beide Firmen dauernd Geschäfte mit der englischen Regierung machten. Es handelte sich hier um dieselben beiden Gesellschaften, die der Familie Chamberlain durch Regierungsaufträge erhebliche Rüstungsgewinne im Burenkrieg eingebracht hatten. Henderson erwähnte ausdrücklich, daß nach seinen Feststellungen beide Firmen fast völlig im Alleinbesitz des Gesundheitsministers Neville und des Außenministers Austen Chamberlain seien. Natürlich kam es zu keiner Untersuchung gegen den korrupten Gesundheitsminister. Nach dem üblichen System wurde vielmehr der Antrag der Opposition niedergestimmt. Neville Chamberlain war gerettet und der Weg zum Amt des Schatzkanzlers und schließlich zum Premierminister war frei. Durch Mehrheitsbeschluß der übrigen im Unterhaus vertretenen Aufsichtsräte war Neville Chamberlain, der Besitzer zweier Firmen, die nachweislich durch Regierungsaufträge zweifelhafte Gewinne gemacht hatten, ehrenwertes Mitglied des Unterhauses und des Kabinetts. Im Jahr 1938, als Neville Chamberlain in die Rolle des Friedensengels schlüpfte, war also die Familie Chamberlain schon seit über 40 Jahren stets an denselben Rüstungs- und Munitionsfabriken beteiligt.

Wie groß ist das Interesse eines solchen Mannes an einer friedlichen Welt?

 

 



[1] Hier geht es um das Münchener Abkommen vom September 1938, zu dem der damalige britische Premierminister Neville Chamberlain eigens 3x nach Deutschland flog, was von Churchill in seiner Rede vom 5.10.1938 vor dem britischen Unterhaus wie folgt kommentiert wurde: „Die Bedingungen, die der Herr Premierminister mit zurückbrachte, hätten meiner Meinung nach über die gewöhnlichen diplomatischen Kanäle zu jeder Zeit im lauf des Sommers leicht erreicht werden können.“  Die gleiche Überlegung bewog Gerrit Ullrich, sich näher mit diesen Vorgängen zu befassen. Was wirklich hinter dem „Münchener Abkommen“ und dem späteren Einmarsch in die Tschechei steckt, den selbst Revisionisten als „unverständlich“ und als großen Fehler bezeichnen, können Sie nachlesen bei G. Ullrich „Der Zeigefinger Hitlers“, GUWG, Pf. 450 322, 50878 Köln, Fax 0221-887 5972, ullrich@guwg.de