England erklärt
den Kriegszustand
Die Britische
Regierung fordert in einer Note[1]
an die Reichsregierung die Zurückziehung der auf polnisches Gebiet
eingedrungenen deutschen Truppen in ihre Ausgangsstellungen. England betrachte
sich als im Kriegszustand mit Deutschland befindlich, wenn nicht bis 11 Uhr
britischer Sommerzeit in London eine befriedigende Antwort von der Deutschen
Regierung erteilt werde. Darauf ist dem Britischen Botschafter folgendes
Memorandum[2] übermittelt
worden:
Die Deutsche
Reichsregierung hat das Ultimatum der Britischen Regierung vom 3. September
1939 erhalten. Sie beehrt sich, darauf folgendes zu erwidern:
1. Die Deutsche
Reichsregierung und das deutsche Volk lehnen es ab, von der Britischen
Regierung ultimative Forderungen entgegenzunehmen, anzunehmen oder gar zu
erfüllen.
2. Seit vielen
Monaten herrscht an unserer Ostgrenze der tatsächliche Zustand des Krieges.
Nachdem der Versailler Vertrag Deutschland erst zerrissen hat, wurde allen
deutschen Regierungen seitdem jede friedliche Regelung verweigert. Auch die
nationalsozialistische Regierung hat nach dem Jahre 1933 immer wieder versucht,
auf dem Wege friedlicher Aushandlungen die schlimmsten Vergewaltigungen und
Rechtsbruche dieses Vertrages zu beseitigen.
Es ist mit in erster Linie
die Britische Regierung gewesen, die durch ihr intransigentes Herhalten jede
praktische Revision vereitelte. Ohne das Dazwischentreten der Britischen
Regierung wäre — dessen sind sich die Deutsche Reichsregierung und das deutsche
Volk bewußt — zwischen Deutschland und Polen sicher eine vernünftige und beiden
Seiten gerecht werdende Lösung gefunden worden. Denn Deutschland hatte nicht
die Absicht oder die Forderung gestellt, Polen zu vernichten. Das Reich
forderte nur die Revision jener Artikel des Versailler Vertrages, die von
einsichtsvollen Staatsmännern aller Völker schon zur Zeit der Abfassung dieses
Diktates als für eine große Nation sowohl als für die gesamten politischen und
wirtschaftlichen Interessen Osteuropas auf die Dauer als untragbar und damit
unmöglich bezeichnet worden waren. Auch britische Staatsmänner erklärten gerade
die damals Deutschland aufgezwungene Lösung im Osten als den Keim späterer
Kriege. Diese Gefahr zu beseitigen, war der Wunsch aller deutschen
Reichsregierungen und besonders die Absicht der neuen nationalsozialistischen
Volksregierung. Diese friedliche Revision verhindert zu haben, ist die Schuld
der britischen Kabinettspolitik.
3. Die Britische
Regierung hat — ein einmaliger Vorgang in der Geschichte — dem polnischen Staat
eine Generalvollmacht erteilt für alle Handlungen gegen Deutschland, die dieser
Staat etwa vorzunehmen beabsichtigen würde. Die Britische Regierung sicherte
der polnischen Regierung unter allen Umständen für den Fall, daß sich
Deutschland gegen irgendeine Provokation oder einen Angriff zur Wehr setzen
würde, ihre militärische Unterstützung zu. Daraufhin hat der
polnische Terror gegen die in den einst von Deutschland weggerissenen Gebieten
lebenden Deutschen sofort unerträgliche Formen angenommen. Die freie Stadt Danzig wurde gegen alle gesetzlichen
Bestimmungen rechtswidrig behandelt, erst wirtschaftlich und zollpolitisch mit
der Vernichtung bedroht und endlich militärisch zerniert und verkehrstechnisch
abgedrosselt. Alle diese der Britischen Regierung genau bekannten Verstöße
gegen das Gesetz des Danziger Statuts wurden gebilligt und durch die
ausgestellte Blankovollmacht an Polen gedeckt. Die
Deutsche Regierung hat, ergriffen von dem Leid der von Polen gequälten und
unmenschlich mißhandelten deutschen Bevölkerung, dennoch fünf Monate lang
geduldig zugesehen, ohne auch nur einmal gegen Polen eine ähnlich aggressive
Handlung zu betätigen.
Sie hat nur
Polen gewarnt, daß diese Vorgänge auf die Dauer unerträglich sein würden, und
daß sie entschlossen sei, für den Fall, daß dieser Bevölkerung sonst keine
Hilfe würde, zur Selbsthilfe zu schreiten. Alle diese Vorgänge waren
der Britischen Regierung auf das genaueste bekannt. Es wäre ihr ein leichtes
gewesen, ihren großen Einfluß in Warschau aufzubieten, um die dortigen Machthaber
zu ermahnen, Gerechtigkeit und Menschlichkeit walten zu lassen und die
bestehenden Verpflichtungen einzuhalten. Die
Britische Regierung hat dies nicht getan. Sie hat im Gegenteil unter steter
Betonung ihrer Pflicht, Polen unter allen Umständen beizustehen, die Polnische
Regierung geradezu ermuntert, in ihrem verbrecherischen, den Frieden Europas
gefährdenden Verhalten fortzufahren. Die
Britische Regierung hat aus diesem Geiste heraus den den Frieden Europas immer
noch retten könnenden Vorschlag Mussolinis zurückgewiesen, obwohl die Deutsche
Reichsregierung ihre Bereitwilligkeit erklärt hatte, darauf einzugehen. Die
Britische Regierung trägt daher die Verantwortung für all das Unglück und das
Leid, das jetzt über viele Völker gekommen ist und kommen wird.
4. Nachdem alle
Versuche, eine friedliche Lösung zu finden und abzuschließen, durch die
Intransigenz der von England gedeckten polnischen Regierung unmöglich gemacht
worden waren, nachdem die schon seit Monaten bestehenden bürgerkriegsähnlichen
Zustände an der Ostgrenze des Reiches, ohne daß die Britische Regierung etwas
dagegen einzuwenden hätte, sich allmählich zu offenen Angriffen auf das
Reichsgebiet verstärkten, hat sich die Deutsche Reichsregierung entschlossen,
dieser fortdauernden und für eine Großmacht unerträglichen Bedrohung des erst
äußeren und dann endlich auch inneren Friedens des Deutschen Volkes ein Ende zu
bereiten, mit jenen Mitteln, die, nachdem die Regierungen der Demokratien alle
anderen Revisionsmöglichkeiten praktisch sabotiert hatten, allein noch übrig
bleiben, um die Ruhe, die Sicherheit und die Ehre des Deutschen Reiches zu
verteidigen. Sie hat auf die letzten, das Reichsgebiet bedrohenden
Angriffe der Polen mit gleichen Maßnahmen geantwortet. Die Deutsche Reichsregierung
ist nicht gewillt, infolge irgendwelcher britischen Absichten oder
Verpflichtungen im Osten des Reiches Zustände zu dulden, die jenen gleichen,
wie wir sie in dem unter britischem Protektorat stehenden Palästina vorfinden.
Das deutsche Volk aber ist vor allem nicht gewillt, sich von Polen mißhandeln
zu lassen.
5. Die Deutsche
Reichsregierung lehnt daher die Versuche, durch eine ultimative Forderung
Deutschland zu zwingen, seine zum Schutz des Reiches angetretene Wehrmacht
wieder zurückzurufen und damit die alte Unruhe und das alte Unrecht erneut
hinzunehmen, ab. Die Drohung, Deutschland ansonsten im Kriege zu bekämpfen,
entspricht der seit Jahren proklamierten Absicht zahlreicher britischer
Politiker. Die Deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk haben
dem englischen Volk unzählige Male versichert, wie sehr sie eine Verständigung,
ja, eine engste Freundschaft mit ihm wünschen. Wenn die Britische Regierung
diese Angebote bisher immer ablehnte und nunmehr mit einer offenen
Kriegsdrohung beantwortet, ist dies nicht Schuld des Deutschen Volkes und
seiner Regierung, sondern ausschließlich Schuld des britischen Kabinetts bzw.
jener Männer, die seit Jahren die Vernichtung und Ausrottung des Deutschen
Volkes predigen. Das deutsche Volk und seine
Regierung haben nicht wie Großbritannien die Absicht, die Welt zu beherrschen,
aber sie sind entschlossen, ihre eigene Freiheit, ihre Unabhängigkeit und vor
allem ihr Leben zu verteidigen. Die im Auftrag
der Britischen Regierung von Herrn King Hall uns mitgeteilte Absicht, das
deutsche Volk noch mehr zu vernichten als durch den Versailler Vertrag, nehmen
wir zur Kenntnis und werden daher jede Angriffshandlung Englands mit den
gleichen Waffen und in der gleichen Form beantworten.
Berlin, den 3.
September 1939. Jahrbuch für auswärtige Politik 1940
Am 3. September
gegen 13 Uhr macht der französische Botschafter in Berlin, Coulondre, dem
Reichsminister des Auswärtigen von Ribbentrop Mitteilung davon, daß sich
Frankreich, falls Deutschland nicht gewillt sei, seine Truppen aus Polen
zurückzuziehen, ab 17 Uhr „verpflichtet" sehe, Polen Beistand zu leisten.
Nach einer
Meldung aus Paris vom 4. September hat die französische Regierung den in Paris
beglaubigten Diplomatischen Vertretungen am Abend des 3. September mitgeteilt,
daß sich Frankreich mit Deutschland im Kriegszustand befinde.
Das Deutsche
Rote Kreuz hat am 12. September an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz
in Genf das folgende Telegramm gerichtet:
Entgegen der
strengen Beachtung aller völkerrechtlichen Bestimmungen und Gesetze der
Menschlichkeit bei deutschen Kampfhandlungen verüben Polen im Rückzug vor
deutscher Besatzung auf Volksdeutsche grausamste Unmenschlichkeiten. Deutsches
Rotes Kreuz hat dringenden Wunsch, daß das Internationale Komitee Vertreter
entsenden möchte zu eigener Bezeugung bei völliger Freiheit der Feststellung.
Zustimmendenfalls Benachrichtigung und unverzögerte Abreise von größter
Dringlichkeit.