Vorwort zu
APOKALYPSE JETZT!
Washingtons Geheime Geopolitik
Die
vorliegende Arbeit ist nicht der ursprünglich geplante dritte Teil der
Trilogie, die darauf angelegt war, ausführlich die Geschichte der geopolitischen
Macht seit Niedergang des britischen Reiches und des Aufstieges des »Amerikanischen
Jahrhunderts« vor mehr als 100 Jahren zu behandeln. Den Teil I bildete der Band
Mit der Ölwaffe zur Weltmacht: Der Weg zur neuen Weltordnung, den Teil II Saat
der Zerstörung: Die dunkle Seite der Gen-Manipulation.
Teil III
wird sich mit dem dritten jener drei Hebel der Weltmacht befassen, die Henry
Kissinger in seinem inzwischen berühmten Ausspruch aus den 1970er Jahren mit
den Worten aufgezählt hatte: »Mit der Kontrolle über das Öl beherrscht man die
Nationen; mit der Kontrolle über die Nahrungsmittel beherrscht man die
Bevölkerungen; mit der Kontrolle über das Geld beherrscht man die Welt.«
Gegenwärtig
erleben wir Ereignisse von höchst dramatischer Natur mit weitreichenden
Auswirkungen auf die Zukunft des zivilisierten Lebens. Sie zwangen mich, die
Arbeit am Band III vorerst zu unterbrechen, um so schnell als möglich das
vorliegende Buch fertigzustellen. Die Ereignisse seit Ende 2006 entfalten sich
als immer deutlicher werdende, eskalierende Konfrontation zwischen Rußland und
seinem langjährigen Gegner im Kalten Krieg, den Vereinigten Staaten von
Amerika. Sie haben mich veranlaßt, meine Prioritäten beim Schreiben
umzustellen.
Seit dem
Zusammenbruch der Sowjetunion sind kaum 16 Jahre vergangen – und etwa 18 Jahre
nach dem dramatischen und hoffnungsvollen Fall der Berliner Mauer am 9.
November 1989. Wie ist es möglich, daß sich nach so kurzer Zeit die NATO und
Rußland nun bereits wieder bei Fragen der Atomraketen und des anderen schweren
Kriegsgeräts an den Grenzen Rußlands als Gegner gegenüberstehen? Was hat zu
dieser bizarren und bedrohlichen Lage geführt?
Nach dem
Krieg gegen Afghanistan folgte kurz darauf der blutige und falsch eingeschätzte
Krieg der USA gegen den Irak. Beide Kriege gerieten Anfang 2007 außer
Kontrolle. In dieser Situation entschied sich die Regierung der Vereinigten
Staaten für weitere provokante Pläne, um Rußland mit seinem betrügerisch so
benannten »Raketenabwehrschild« zu umstellen. Washington behauptete gegenüber
der skeptischen russischen und europäischen Öffentlichkeit, daß die in Polen
und Tschechien geplanten Raketenabwehrstellungen dem Schutz gegen »mögliche
Raketenangriffe aus dem Iran« dienen sollen.
Derart
absonderliche Vorhaben überhaupt verständlich zu machen, war zu gegebener
Zeit schon schwierig genug. Da Washington keinen Zweifel aufkommen ließ, daß
man weiterhin auf diesem Vorhaben beharren würde, war es dringend geboten, die
Arbeit am vorliegenden Buch aufzunehmen. Die meisten der kritischen zeitgenössischen
Analysen der sich zuspitzenden Ereignisse – von Afghanistan über den Irak bis
hin zur jüngsten Welle farbiger Revolutionen –, die seit dem Jahre 2000 im Umkreis
Rußlands stattfinden, lassen die Einschätzung der geopolitischen Zusammenhänge
dieser Ereignisse vermissen. Ohne Verständnis dieser Zusammenhänge und ohne
eine geschichtliche Perspektive kann man beispielsweise unmöglich das Verhalten
der polnischen Regierung verstehen. Ihre politischen Beamten sind in einem
Anflug von possenhafter Wiederholung der Geschichte mit derart dramatischen Fragen
von weitreichenden Folgen konfrontiert, die weit über das hinausgehen, was die
polnische Regierung während der 1930er Jahre zwischen Rußland, Deutschland,
Großbritannien und Frankreich auszuhandeln versucht hatte.
Das volle
Verständnis der Rolle, die dabei die Geschichte spielt, und dessen, was der
britische Geograph Sir Halford Mackinder in seinem Aufsatz aus dem Jahr 1904
mit dem Titel Der geographische Angelpunkt der Geschichte (The Geographical
Pivot of History) als eurasische Geopolitik umrissen hat, ist heute ebenso
wichtig, wie es das damals war. Mackinder legte die theoretische Grundlage
zuerst für die Hegemonie des britischen Imperiums und nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges für die amerikanische globale Vorherrschaft. Mackinder verstand
sehr genau die zentrale Rolle, die Rußland wegen seiner geographischen Lage als
einzigartige, eurasische Landmacht, die mit einer großen Fülle an allen
notwendigen Rohstoffen, landwirtschaftlichen Anbauflächen und Energiequellen
ausgestattet war, zukam. Er hielt Rußland für in der Weltpolitik so
entscheidend, daß er es »das Kernland« nannte.
Heute steht
das Kernland in jeder Beziehung ebenso im Mittelpunkt der Washingtoner
Globalstrategie, wie es dort während der Konflikte des »Großen Spiels« zwischen
dem britischen und dem russischen Reich in den Jahrzehnten nach 1850 gestanden
hatte. Politiker und Regierungen ändern sich, aber nicht die Geographie.
Diese
Arbeit ist der Versuch, die zentrale Bedeutung des heutigen Rußlands dem Leser
darzulegen, der versucht, sich auf die scheinbar zusammenhanglosen Trends der
globalen Politik einen Reim zu machen. Das alleine würde allerdings nur ein
sehr unvollständiges Bild von der Welt und der Gefahren ergeben, denen wir
ausgesetzt sind.
Daß Rußland
das Kernland der Weltereignisse war und geblieben ist, bildet nur einen Teil
des geopolitischen Kalküls. Die Vereinigten Staaten standen nach dem Zusammenbruch
der Sowjetunion als die einzig verbliebene hegemoniale Macht vor zwei möglichen
Alternativen, um mit der russischen geopolitischen Realität umzugehen. Sie
hätten vorsichtig, aber deutlich den Beginn einer neuen Ära der politischen und
wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem zerschlagenen und wirtschaftlich
verwüsteten früheren Feind im Kalten Krieg erkennen lassen können. Der Westen
hätte unter Führung der Vereinigten Staaten zu einer gegenseitigen Deeskalation
des atomaren Gleichgewichts des Schreckens aus der Zeit des Kalten Kriegs
ermutigen können, um die Rüstungsindustrie im Westen ebenso wie im Osten in
zivile Unternehmen mit der gewaltigen Aufgabe umzuwandeln, die Infrastruktur
und die ruinierten Städte wiederaufzubauen. Um das Klima der gegenseitigen
wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu fördern, die Eurasien zu einer der wohlhabendsten
Wirtschaftszonen der Welt hätte machen können, hätte man allmählich die NATO
ebenso auflösen können, wie Rußland den Warschauer Pakt aufgelöst hat. Das wäre
vor eineinhalb Jahrzehnten eine klar erkennbare gute Möglichkeit gewesen.
Doch
Washington wählte einen anderen Weg im Umgang mit dem Kernland-Problem. Es
entschied sich für Hinterhältigkeit, Betrug, Lüge und Krieg, um die Kontrolle
über das Kernland durch militärische Gewalt zu erzwingen. Um zu begreifen, wie
zwei Generationen der Bush-Dynastie seit 1990 eine so entscheidende Rolle bei
der Änderung der Politik der USA gegenüber Rußland spielen konnten, ist es notwendig,
ausführlich die Hintergründe der politischen Maschinerie zu beleuchten, die die
Familie George W. Bushs durch Hinterhältigkeit, Betrug, Lügen und Kriege zum
Einsatz sogar auch gegen die eigene, unwissende amerikanische Bevölkerung geschaffen
hat.
1990
bestand die Regierung des früheren George H. W. Bush – die unter anderen von
Henry Kissinger beraten wurde – bei einem Treffen der Gruppe der Sieben in
Houston darauf, daß der Internationale Währungsfonds (IWF) als einziger die wirtschaftliche
Umwandlung der Staaten des früheren Warschauer Pakts und auch Rußlands
diktatorisch durchzuführen habe. Damals war Schocktherapie, aber keine vernünftige
Wirtschaftspolitik für die Umwandlung angesagt. Die radikale, freie, neoliberale
Marktwirtschaft, die für die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Erfordernisse Rußlands, Polens, Bulgariens, Jugoslawiens oder jedes anderen der
Staaten im ehemals kommunistischen Europa ausgesprochen ungeeignet war, wurde
mit Hilfe von Erpressung durchgesetzt. Dazu dienten Bankkredite des Westens,
die an die Bedingungen des IWF, welche die Privatisierung der Wirtschaft und
die Einführung marktwirtschaftlicher Regelungen verlangten, geknüpft waren.
Das
wirtschaftliche Versagen der von Washington durchgesetzten Politik läßt sich
allerdings nicht verstehen, wenn man sich nicht klarmacht, daß eine
entschlossene und mächtige Fraktion der US -Führung, nämlich die Bush-Familie,
während und nach dem zweiten Weltkrieg ursprünglich als Schützling der alles
beherrschenden Rockefeller-Familie aufgebaut worden war. Die Kreise um
Rockefeller bildeten in der Nachkriegspolitik der USA ein Netzwerk mit außergewöhnlichem
Einfluß und unangefochtener Macht. Ihm gehörte die Familie Bush als
Nachwuchspartner bei dem Vorhaben an, eine Neue Weltordnung durchzusetzen.
Das Projekt
»Neue Weltordnung« reicht schon Jahrzehnte zurück. Es zielte auf die
Transformation der bestehenden Gesellschaftsordnung in Amerika, auf die Veränderung
der grundlegenden Glaubensstruktur des normalen, in die Kirche gehenden
Amerikaners der 1950er Jahre und schuf eine Nation von zunehmend fanatisierten
und von Angst getriebenen, wiedergeborenen Christen, die von Fundamentalisten
angeführt wurden. Diese Art von evangelikalem Fundamentalismus hatte 2000
George W. Bush ins Weiße Haus gebracht.
Die
Bevölkerung der Vereinigten Staaten war einmal in aller Welt für ihre Offenheit
gegenüber Ausländern und ihre lockere Lebensweise bewundert worden. Wie sie es
zulassen konnte, daß ihr Land zu einer monströsen Macht wurde, die mit
rücksichtsloser Brutalität und Folter im Irak, in Afghanistan und auf vielen
anderen, weniger bekannt gemachten Schauplätzen der Erde vorgeht, ist das
zweite, zusätzliche Thema dieses Bandes.
Die
Veränderung der gesellschaftlichen Vorstellungen der traditionell friedlichen
US-Bevölkerung in die Normen einer Art neuen Spartas ist für die meisten
Europäer, die weit von den USA entfernt leben und Eindrücke aus einer noch ganz
anderen Zeit haben, unbegreiflich. Die interne Umwandlung der amerikanischen
Gesellschaft durch Sozialtechniken, die zu einem Grad, der alles Vorstellbare
übertrifft, angewandt wurden, trug ganz wesentlich dazu bei, um aus den
Vereinigten Staaten dieses neue Sparta, das sich ständig im Kriegszustand
hielt, werden zu lassen. Wie und zu welchem Zweck dies erreicht wurde und
welchen Bezug das Ganze zur Bedrohung des Weltfriedens hat, ist der rote Faden
der vorliegenden Arbeit. Die Dringlichkeit einer solchen Klärung wird durch die
Zuspitzung der Ereignisse unterstrichen. Ich bin dankbar dafür, daß mein
deutscher Verleger, Jochen Kopp, dies versteht und die Bedeutung dieser Arbeit
zu schätzen weiß.
F. William
Engdahl, Wiesbaden im August 2007