Das Buch der Gewalt und des Betrugs

Vorwort aus „Die Friedensbedingungen der Alliierten und Assoziierten Regierungen“, Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1919

Die Bestimmungen des Vertrages, durch den sich die „Alliierten und Assoziierten Staaten“ bereit erklären, die amtlichen Beziehungen mit Deutschland wieder aufzunehmen, wurden der deutschen Friedensdelegation am Nachmittag des Siebten Mai in Versailles in französischer und englischer Sprache überreicht. Die deutsche Öffentlichkeit hat von den wichtigsten und einschneidendsten Bestimmungen durch amtliche und private Auszüge der Presse oberflächliche Kenntnis erhalten; sie ist durch sie und die Kritiken, welche der Vertrag in Kundgebungen der deutschen Regierung und Volksvertretung, aber auch durch die entrüsteten und erschreckten Kommentare der heimischen und fremden Presse sofort erfuhr, von seiner Art, seinen Absichten unterrichtet worden und weiß trotz der bruchstückweisen und unzusammenhängenden Mitteilung, was er als Ganzes zu bedeuten hat. Die deutsche Übersetzung des Vertrags, die hier der Öffentlichkeit übergeben wird, kann somit politisches und menschliches Urteil nicht mehr bilden, sondern nur im einzelnen begründen und befestigen, indem sie jedem Deutschen Gelegenheit gibt, dieses Grundgesetz der neuen deutschen Unfreiheit zu prüfen und festzustellen, daß der Ring der vertraglichen Bestimmungen lückenlos und fest geschweißt ist, mit denen jeder Deutsche als Einzelperson und ihre Gesamtheit als Staat und Nation an die Welt als ihren Kerker geschmiedet werden sollen.

Je nach seinen besonderen Interesse wird der Leser, wenn er nicht geneigt oder imstande ist, den ganzen kunstreich ineinandergefügten  Komplex dieses Gesetzbuches zu durchschauen und zu entwirren, das die Bewohner der Erde aufs neue in zwei Kategorien, in Freie und Sklaven einteilt, in einzelnen Kapiteln feststellen, daß die Rechte, die gerade er am leidenschaftlichsten sucht und ersehnt, kaltblütig und restlos versagt werden: der deutsche Kaufmann im Inland wird die Bestimmungen finden, nach denen er künftig beim Handel  und Verkehr auf deutschem Boden der gewaltsamen und einseitigen Konkurrenz jedes Fremden ausgesetzt wird, und wenn er, entmutigt durch solche Aussichten, daran denken möchte, den Staub des ungastlich gewordenen Vaterlandes von den Füßen zu schütteln und in der Welt sein Glück zu versuchen, so wird er, weiterblätternd, erkennen, daß ihm der Fluch, ein Deutscher zu sein, bis an die Gestade von Negerrepubliken verfolgt, die der Menschheit und ihrer Kultur noch keinen anderen Dienst geleistet haben, als daß sie sich der Gesellschaft unserer erlauchten Feinde und Gesetzgeber rechtzeitig anzuschließen wußten. Etwa acht Millionen Deutsche werden, angstvoll auf der Karte den Zug der neuen Grenzen verfolgend, wahrnehmen müssen, daß ihre Heimat, die Wurzel ihres Lebens, die Gräber ihrer Vorfahren und die Wiege ihrer Zukunft künftig außerhalb des Staates liegen werden, dem sie in Sprache und Sitte angehören, dem sie in glücklichen Tagen folgten und den sie im Unglück nicht allein lassen wollen. Wenn sie Überlieferungen und Vorstellungen der Vergangenheit anhängen und aus der Geschichte die Lehre ziehen wollten, daß es das Schicksal von Grenzländern ist, vorübergehend fremden Gewalthabern dienen zu müssen, daß aber immer irgendwann die Stunde nationaler Befreiung und Vereinigung schlägt, so werden sie aus den militärischen Kapiteln dieses vorsorglichen Buches ersehen, daß seine Verfasser die neue Zeit wenigstens insofern vortrefflich verstanden haben, als sie Deutschland die Segnungen eines ewigen Friedens zuerkannten, indem sie ihm auf immer das Waffenrecht eines freien Volkes nahmen. Wer aber dem schönen Traum sich ergeben hatte, daß dieser Krieg aller gegen einen sich zu einem Frieden aller mit allen gestalten werden, daß die Wüsteneien der Schlachtfelder sich in Gärten der Völkerfreundschaft umwandeln möchten, der muß enttäuscht auch diese letzte Hoffnung begraben, wenn er liest, wie diese Richter in grimmigstem Parteigeist den Schuldigspruch über Deutschland für alle Zeiten geschichtlich festlegen und auf ihm die ewige Ächtung und Friedlosigkeit Deutschlands begründen.

Der Friedensvertrag, durch den die Entente einen „festen, gerechten und dauerhaften Frieden“ einzuleiten vorgibt, bezeichnet den tiefsten Pegelstand der deutschen Geschichte. Wie man auch über die Fehler der deutschen Politik denken mag, ob man ihr eine direkte oder nur fahrlässige Schuld am Ausbruch des Krieges zumißt, selbst wenn man alles vergessen wollte, was die Gegner Deutschlands in der Vorkriegszeit taten, um den fürchterlichen Konflikt vorzubereiten, so kann doch nicht geleugnet werden, daß das deutsche Volk im festen Glauben an sein Recht und an die Notwendigkeit, sein Leben schützen zu müssen, in den Kampf gegangen ist. Gestützt auf diese von allen Völkern anerkannte und für gut befundene Pflicht, hat es vier Jahre hindurch einen Krieg geführt, in dem es zur Abwendung des Äußersten und gereizt durch Vertragsbruch alter Bundesgenossen, wie durch die Kriegsmethoden der Gegner alle Mittel anwandte, die ihm Sieg und Leben sichern sollten.

Seine militärische und wirtschaftliche Machtentfaltung setzte die Welt in Erstaunen und erschreckte die Feinde. An allen Grenzen siegreich, stand es oft nahe am letzten und endgültigen Erfolg. Um so tiefer muß der Sturz empfunden werden, den es nach verhängnisvollen Fehlern seiner Politik und Kriegführung tat und der durch den angebotenen Friedensvertrag seinen geschichtlichen Ausdruck finden soll. Aber dieser Wandlung des Glücks wohnt wenigstens etwas Natürliches, Schicksalhaftes an, dem sich in Demut beugen muß, wer daran glaubt, daß die Geschichte der Völker dem Gesetz  von Schuld und Sühne unterworfen sind, daß sie Prüfungen unterzogen werden, um verlorene Ideale und Ziele wiederzufinden, denen sie im Dienst des Ganzen zu leben haben.

Wir Deutsche wissen, daß wir die Wege unseres Geistes verlassen hatten, und waren bereit, in der Wendung unseres Glückes den Wink zu erkennen, daß wir uns wiederfinden sollten zu dem, wozu wir die besten Eigenschaften mitbekommen haben: zu einer uneigennützigen Aufnahme, Verarbeitung und Durchdringung aller Menschheitsideen und gemeinsamen Aufgaben und zu ihrer befruchtenden Rückstrahlung auf die übrige Welt. Wir hätten die Niederlage und ihre politischen Folgen getragen und aus unserem Kreuzgang eine Erlösung unserer selbst und der Welt werden lassen. Was uns aber an dieser von den Feinden erdachten Regelung am meisten niederwirft und uns die Hoffnung auf einen tieferen Sinn des Erlebens nimmt, ist der Betrug, den sie zwischen unsere Schuld und Erkenntnis schoben, indem sie durch Aufstellung von Menschheitsidealen und gemeinsamen Zielen unseren Durst nach Läuterung lockten und uns nun, da wir ohne Waffen uns nahten, höhnend von den heiligen Quellen wegweisen. Die ideelle Kriegführung der Entente und ihre Propaganda beruhte auf der Behauptung, daß die politische Einrichtung des Deutschen Reiches nicht länger vereinbar sei mit den Interessen und Idealen der Menschheit; der Krieg wurde als ein Lebens- und Entscheidungskampf der Demokratie ausgerufen gegen eine überlebte und nicht ordnungsmäßig kontrollierte Staatsgewalt, die zwar nicht mehr absolut war, sich aber doch in ihren Handlungen nicht auf den Gesamtwillen des Volkes stützte. Starke politische  Strömungen, die in Deutschland schon vor dem Kriege vorhanden waren und die im Kriege im leidvollen Selbstbewußtsein des Volkes immer stärker anwuchsen, begegneten sich mit diesem Gedanken. Und als die  Zeit erfüllt war, als die alte deutsche Staatsgewalt sich außerstande zeigte, im Sieg die Berechtigung ihres Daseins zu erhärten, vollzog sich in Deutschland der Umschwung, und es entstand die deutsche Demokratie, die Herrschaft des Volkes, jene Staatsform und jene Wandlung des Geistes, die von den Feinden als Voraussetzung der Wiederaufnahme gemeinsamer Friedensarbeit bezeichnet worden war. Jetzt konnte das Wort eingelöst werden, daß der erbarmungslose Krieg nicht dem deutschen Volke, sondern seinen Machthabern galt, daß nicht um Länder, Waren und Gold gekämpft werde, sondern um die heiligen Güter der Menschlichkeit. Die Beendigung der kriegerischen Handlungen stand noch in diesem Zeichen; der Waffenstillstand vom 11. November wurde auf Grund der 14 Punkte Wilsons abgeschlossen, in denen der Wortführer jener Theorien einen praktischen Niederschlag auf die Politik des Friedens versucht hatte; und in einem Notenwechsel, der vor Abschluß des Waffenstillstandsvertrages zwischen dem amerikanischen Staatssekretär des Äußern Lansing und der Deutschen Regierung stattfand, erfuhren die Programmpunkte Wilsons nochmals eine klare Bestätigung und zweifelsfreie Umgrenzung. Aus diesen Dokumenten sollte unter Herrschaft des Geistes, der die zahllosen vorausgegangenen öffentlichen Kundgebungen des Präsidenten Wilson erfüllt hatte, nach der Hoffnung des deutschen Volkes und nach der vertraglichen Verpflichtungen der Gegner der endgültige Frieden hervorgehen.

Wir wissen, wie schwer die Ausführung des Waffenstillstandes, seine drei Verlängerungen und die Nebenverhandlungen, die sich aus ihm ergaben, täglich und stündlich Geist und Wortlaut jener Grundlagen verletzen und wie jede deutsche Berufung mit der Machtgeste des Siegers abgewiesen wurde. Der Friedensvertrag selber aber ist die letzte und endgültige Aufhebung des erheuchelten Geistes und des beschworenen Wortes und macht es Deutschland klar, daß es zu dem harten Schicksal, besiegt zu sein, das härtere, betrogen zu werden, tragen muß. In dem Buche, in dem wir der deutschen Öffentlichkeit das Dokument der Gewalt vorlegen, durften daher die antithetischen Urkunden Wilsons und Lansings nicht fehlen, damit dem Bewußtsein von der Vollkommenheit der Gewalt auch die Kenntnis der völkerrechtlichen Unsittlichkeit zugesellt wird, durch die sie erst möglich wurde.

Der Prozeß der Verfälschung des versprochenen Rechtsfriedens dauerte nahezu sieben Monate, vom Tages des Abschlusses des Waffenstillstands bis zur zynischen Vollendung in Trianon. In langer qualvoller Folterung wurde das deutsche Volk darauf vorbereitet; als Knechte mit Brandeisen, Schrauben, Zangen und Staupe hantierte die feindliche Presse. Alle Kapitel, Abschnitte und Paragraphen des späteren Urteils, von der Bestrafung des Kaisers und deutscher Generale bis zur feindlichen Vorherrschaft im Äther, den der Schöpfer über Deutschland wölbte, und bis zur Wegführung des Genter Altars aus dem Lande, in dem die Musen auf immer schweigen sollen, alles haben wir in diesen Monaten schon irgendwo gelesen und von beflissenen Ballspielern des Nachrichtendienstes zur Erörterung gestellt gesehen. Die Geschäftigkeit dieser Vorbereitung konnte kaum mißverstanden werden: in den feindlichen Ländern hatten sich während des Krieges Minderheiten ernstlich und mit einer gewissen Vorurteilslosigkeit der Untersuchung der Kriegsprobleme zugewandt und waren zu anderen Ergebnissen gekommen, als zu dem flachen Urteil der in Kriegshypnose versetzten öffentlichen Meinung; in jenen Kreisen war man, in verschiedenen Erkenntnisstufen, von der alleinigen Schuld Deutschland, geschweige denn eines Mannes, nicht überzeugt, sondern suchte den Schuldigen in dem Geiste, der Politik und Wirtschaftsleben vor dem Kriege bei allen Völkern beherrscht hatte. Wenn aber eine Weltschuld vorlag, so mußte es eine Weltsühne geben, und so mehrten sich überall die Stimmen, die in einer von allen Völkern geübten Abkehr von Imperialismus und Überspannung kapitalistischer Wirtschaftsinteressen in den Staatstendenzen das einzige wirksame Mittel zur Erneuerung der Welt sahen.

Die Bewegung war schwach, lange nicht so lungenkräftig wie die Anbläser des Kriegsfeuers, aber auch nirgends so stark wie in Deutschland, selbst in den Tagen seiner höchsten militärischen Erfolge. Wie man auch die frühe Reinigung des deutschen Geistes von den Trübungen der Leidenschaften des Kriegsausbruchs politisch betrachten mag, so wird es moralisch, wenn einst die Gedanken, die jetzt dem Hohn preisgegeben sind, zum Sieg gelangt sein werden, zu den Ruhmestiteln der Deutschen gehören, daß sie früher als alle anderen und in Umständen, die der Mäßigung nicht eben günstig waren, im eigenen Lande den Kampf gegen die Verherrlicher der Gewalt, die Extremisten der Rasse und Utopisten der Politik geführt haben. So hatte sich schon während des Krieges die „Liga der Nationen“ gebildet, jene neue Schicht geistiger Menschen, die bereit waren, den Krieg zu einem innerlichen Welterlebnis werden zu lassen, wie er es vielen einzelnen gewesen war, und die überzeugt waren, daß alle Völker um ein Phantom geblutet hatten, wenn sie in den gereizten und gegen jeden Rückfall ungeschützten Zustand sich willig zurückführen ließen. Mit dem Triumph der Ideen Wilsons schien die Herrschaft dieser neuen Menschen angebrochen, denn ihr Grundgesetz, die wenigen und klaren Glaubenssätze der jungen politischen Weltreligion waren ja von den Staatsgewalten aller kriegführenden Mächte feierlich anerkannt und beschworen worden: keine Annexionen und Kontributionen sollten das Gewissen neu belasten, sondern Selbstbestimmung der Völker, wirtschaftliche Freiheit und Gleichberechtigung aller die Entlastung, Wiedergutmachung verschuldeten Unrechts bis Entsühnung der Welt herbeiführen. In Deutschland vollzog sich diese geistige Taufe mit der Revolution; aber in den anderen Ländern blieb die Bewegung Angelegenheit einer Minderheit, und auch in ihr schwieg jetzt mancher, der sich vorher, als die Interessen seines Staates noch zusammenfielen mit den neuen Wahrheiten, in „Lippendienst“ zu ihnen bekannt hatte. Auch Wilson selbst, der große Prophet des Völkerbundes, verstummte jetzt und ließ das laute Wort denen, die sich daran machten, den Krieg in nationale und wirtschaftliche Erfolge und Vorteile umzuwerten. Denn überall, nur nicht in Deutschland, waren die Herren des Krieges auch die Herren des Friedens geblieben: in Frankreich Clemenceau, der den Tag der Vernichtung Deutschlands ein ganzes langes Leben lang in glühendem Haß herbeigebetet hatte, in England Lloyd George, der seit seinem Aufstieg zur Macht die Tradition englischer Politik Herr werden ließ über die Pflichten seiner persönlichen politischen Vergangenheit, und in allen den kleineren Staaten die Regierungen, die jetzt nur darauf bedacht waren, den Spielgewinn ihrer leidenschaftlichen oder waghalsigen Politik einzubringen. In keinem dieser Länder wurde der ernstliche Versuch gemacht, die aufgepeitschte und überreizte Stimmung der Bevölkerung allmählich für die neuen Anschauungen und Aufgaben des Friedens vorzubereiten und so dem Rechtsfrieden, den man beschworen hatte, auch die Grundlage einer Volksforderung zu geben. In England wurden im Spätjahr 1918 die Wahlen unter skrupellosester Anrufung niederster Instinkte der Habsucht und Bereicherung jedes einzelnen aus dem Vermögen und dem Handel des Feindes gemacht, und in Frankreich wetteiferten der höchste Mann im Staate mit dem letzten Reporter ungeprüfter Tendenznachrichten darin, allen Aberglauben des Volkes, auch den dümmsten und verächtlichsten, sorgfältig zu erhalten und zu pflegen, wenn er nur dazu beitrug, den Rückzug von den lästigen Verpflichtungen des Wilsonschen Programms zu decken. In Deutschland sah man besorgt, aber machtlos dieser Entwicklung zu. Die innere Beruhigung des Landes wurde durch sie aufs äußerste erschwert, die Anklage der Anhänger des Alten, die auf Verderbnis des Staates durch fahrlässige Leichtgläubigkeit lautet, immer wieder genährt. In der Tat war die Zukunft der deutschen Demokratie, wenn nicht bedroht, so doch in ihrer Geburt kompromittiert, wenn die Gegner fortfuhren, den Verdacht zu unterstützen, daß sie die Vortrefflichkeit dieser Staatslehre und die Notwendigkeit ihrer Durchführung auch in Deutschland nur vertreten hatten, um ein politisch ungeschultes und unbegabtes Volk um den kräftigen Eigenwuchs seiner Einrichtungen zu bringen und es dann zu erschlagen. So verwuchs das Schicksal Deutschlands mit dem Weltkredit der demokratischen Idee und machte diejenigen, die in Deutschland die Freiheit zu töten unternahmen, zu den Verderbern ihrer eigenen Staatsprinzipien. Dieser Zirkel der Schuld ist so sicher und wird sich so unbeirrt erfüllen, daß Deutschland, hätte es auch noch Wege der staatlichen Umkehr offen und zur Wahl frei, doch kaum klug handeln würde, wenn es von der Inkonsequenz der Feinde sich verleiten ließe, nicht geradeaus dem Stern der Zukunft entgegenzugehen. Wenn es gegenüber dem zusammengeballten Staats- und Wirtschaftsegoismus der Feinde eine Rettung gibt, so liegt sie in der Anrufung der gemeinsamen Interessen der arbeitenden Völker und in dem Vertrauen, daß die Ideen, die Millionen unverderbter primitiver Herzen erfüllt haben, wohl vorübergehend zurückgedrängt, aber nicht für immer wirkungslos gemacht werden können. Wenn wir in Sturm und Not den Glauben an Rettung nicht ganz verlieren wollen, so braucht es solcher Zuflucht zu einem Weltsinn der Idealität, in dem das deutsche Volk zugleich zu den besten Überlieferungen seines Geistes zurückkehrt.

In dem Buche, das Soll und Haben der Feinde aufzeichnet, stehen deshalb zu Recht zwei Kundgebungen, in denen der führende Staatsmann des neuen Deutschland den Entschluß aussprach, unbeirrt trotz allem am Recht festzuhalten, es zu fordern als politischen Anspruch und als sittliches Gut, jeder Gewalt zu sagen, daß sie nur vorübergehende Arrogation sein kann, und ihren erklügelten wortbrüchigen Vertrag nicht als neues Gesetzbuch der Völker anzuerkennen.

Der große Weltkampf ist heute mitten im Gange, sein Ausgang ungewiß. Aber seine Akten sind geschlossen, was noch kommt, ist prozessualer Vorgang. Die Schluß- und Hauptstücke des Beweisverfahrens sind in diesem Buche vereinigt, denn es enthält die Forderung, ihre Verweigerung trotz vorangegangener Anerkennung und die Verwahrung des Geschädigten. Aber der Sinn dieser Sammlung und Zusammenstellung geht weiter als dahin, Handakten zu schaffen. Wir brauchen die Materialien dieses Prozesses als dauernde und allgemeine Erinnerung und zur nationalen Erziehung unseres Volkes. Wie auch der Ausgang sein wird: sind wir so glücklich, dem angedrohten Tode staatlicher Vernichtung zu entrinnen und unser geläutertes Volk zu neuen reineren Aufgaben zu führen, so sollte das, was uns einst zugedacht war, eine stet Mahnung zu Selbstzucht, Mäßigung, Recht und Menschheitsfurcht sein. Wie aus Todesnähe gewonnene Frömmigkeit und Güte die beste ist, so kann ein Volk am Randes seines Untergangs am besten erkennen, worin es gegen seinen Beruf fehlte und wie es handeln und denken müßte, wenn ihm noch einmal eine Stundung des Schicksals beschieden wird. Bei solcher Wendung sollen wir die peinliche Halsgerichtsordnung, die im 20. Jahrhundert gegen uns geschrieben wurde, ohne Haß als ein Stück überwundener Barbarei bewahren und uns würdig halten, daß wir nie für uns selbst in einen Geisteszustand versetzt werden möchten, aus dem dieses ebenso monströse als der Wirklichkeit unbewußte Dokument entstanden ist. Es kann aber auch sein, daß wir einem harten langen Kampf gegen den Tod und um unser Recht auf Leben entgegengehen, in dem wir stärkere Waffen brauchen als die philosophischer Betrachtung und subtiler Gewissensforschung. Dann soll dies Buch eine Bibel des deutschen Glaubens werden, ein Lehrbuch unseres Geisteskampfes und eine Anleitung zur Verachtung unserer Gegner. Wie das Buch Grimmelshausens den Hintergrund des armen, von allen wilden Horden Europas gebrandschatzten und versengten Deutschlands im 30-jährigen Krieg widerspiegelt und in den belanglosen Abenteuern eines Landläufers die große Trauer einer nationalen Geschichtsepoche in der Erinnerung des Volkes festgehalten hat, wie das unsagbare Leiden des niederländischen Volkes um seines Glaubens und seiner Freiheit willen von einem großen Dichter in den Narrensprüngen des Till Eulenspiegel gefaßt und bewahrt wurde, so soll dieses entsetzliche Prosawerk der Menschenverachtung ein täglich sich erneuerndes Flammenzeichen zum Widerstand werden. Ein ständiges Erbteil deutscher Armut, das der Vater auf den Sohn und dieser auf den Enkel überträgt, bis es, endlich von neuen Geschlechtern außer Kraft gesetzt, der verdienten Vergessenheit anheimfallen kann.