Finanz-Domino

B. Ullrich

Als Akteure im großen Zockerspiel haben wir die Banken. Dann die Rating-Agenturen, die raten und beraten, dann die Anleihe-Versicherer, die auf ein erstklassiges Rating im AAA-Bereich angewiesen sind, also einen guten Draht zu den Rating-Agenturen haben müssen.

„Anleiheversicherer bieten Garantien für die Zins- und Rückzahlungen von Anleihen und erhalten dafür Prämien von den Anleiheemittenten. Weil sie ausschließlich Ausfallrisiken von Schuldtiteln versichern, werden diese Firmen auch als "Monoliner" bezeichnet.

Für die Emittenten hat eine solche Versicherung den Vorteil, daß sie selber ein besseres Rating für die Anleihen erhalten. Das zahlt sich aus: Je höher die Bonität, desto weniger Zinsen müssen sie für ihre Anleihen bieten. Die Bonität der Kreditversicherer schlägt also direkt auf das Rating der von ihnen garantierten Anleihen durch.“ www.boerse.ARD.de 18.01.08

Im Klartext heißt das, wenn ein Versicherer für die Anleihen bürgt, die z. B. eine Stadt herausgibt, genießen diese Anleihen bei den Käufern ein höheres Ansehen und können von der Stadt zu niedrigeren Gewinnanteilen abgesetzt werden.

Diese Anleihe-Versicherer haben eine extrem dünne Eigenkapitaldecke. Beim Branchenbesten MBIA z. B. soll diese Eigenkapitaldecke im Mai 2007 nur 94:1 betragen haben, was bedeutet, daß von 94 Millionen Versicherungshöhe nur 1 Million tatsächlich aus Eigenkapital ausgezahlt werden kann. Wie solche Geschäftskonstrukte an Bestnoten von Ratingagenturen kommen, kann auch nur geraten werden. Ein Frankfurter Banker wird zitiert wie folgt: „Niedrig kapitalisierte Gesellschaften, die irgend etwas garantieren und beim ersten Abschwung zusammenbrechen – das ist ein schwachsinniges Geschäftsmodell“. Nun ja, der Schwachsinn richtet sich nach dem Zweck des Ganzen, und wenn der Zusammenbruch des derzeitigen Systems der eigentliche Zweck all dieser wüsten Finanzierungskonstrukte ist, dann sollten wir uns nicht wundern, wenn noch dollere Offenbarungen aus dem Zylinder gezogen werden.

Börsenprofi Warren Buffett erklärte bereits im Jahr 2003, daß ein solch überdrehtes Geschäftsmodell gefährlich ist.

«Das Konzept scheint uns nicht sonderlich gescheit. Irgendwann wird man in große Probleme geraten, wenn man Kredite im Verhältnis von 1 zu 140 absichert». (www.tagesanzeiger.ch 21.01.08)

Angeblich dienten die Aktivitäten der Anleiheversicherer dazu, Städten und Gemeinden zu einem ruhigeren Schlaf zu verhelfen, indem man ihre Anleihen gegen Zahlungsausfälle versicherte, was sich auch durch niedrigere Finanzierungskosten auszahlte. Als jedoch die „strukturierten Finanzprodukte“ bei hohem Risiko ebenfalls in die Versicherungen mit aufgenommen wurden, war es bald mit dem „ruhigeren Schlaf“ vorbei.[1]

Der Chef der deutschen Finanzaufsicht BaFin – auch so ein begnadeter Dummstellexperte – stellte dazu treffend fest, daß die mit AAA-Rating ausgestatteten Anlageversicherer diese risikoreichen strukturierten Produkte durch ihre Garantien erst marktfähig gemacht hätten. Wir sollten nicht den Fehler machen, zu glauben, daß wir es hier tatsächlich mit einer von Dummköpfen ausgeklügelten Angelegenheit zu tun haben – es handelt sich allen Indizien nach eher um eine gigantische Schweinerei globalen Ausmaßes. Daß zwischenzeitlich mal ein paar Köpfe medienwirksam ins Rollen gebracht werden, sollte uns nicht ablenken – die rollen gewiß in einen schön gepolsterten Abfindungskorb.

Nun geht es auch gar nicht darum, daß ein paar höchst überflüssige Absicherungsbuden pleite gehen – das ist wohl leicht zu verschmerzen. Aber:

"Wenn sie ihr Top-Rating verlieren, rollt die nächste Feuerwand um den Globus", sagt ein Regulierer. Je schlechter die Note des Versicherers ist, desto schlechter ist auch die Bewertung der Anleihe, deren Wert er garantiert. "Investoren könnten zum Verkauf von Anleihen gezwungen sein, wenn diese nicht mehr die Rating-Mindestkriterien erfüllen", sagt Jochen Felsenheimer, Leiter der Kreditanalyse von Unicredit. Werden Papiere massenhaft abgestoßen, sinkt auch ihr Kurs, was bei den Verkäufern erhebliche Abschreibungen zur Folge hat. Zudem müssen sie mehr Eigenkapital für die betroffenen Anleihen reservieren.... Welch dramatische Folgen der Zusammenbruch eines Bondversicherers haben kann, zeigt das Schicksal der relativ kleinen Gesellschaft ACA Capital, die im Dezember auf eine der niedrigsten Bonitätsstufen herabgesetzt wurde. Das US-Investmenthaus Merrill Lynch, die kanadische Bank CIBC und die französische Crédit Agricole, die Bonds mit ACA-Garantien besaßen, mußten mit einem Schlag zwischen 2 und 2,5 Mrd. $ abschreiben. Dieses Horrorszenario gilt als einer der wichtigsten Gründe, warum die Ratingagenturen so lange gezögert haben. Ihr Kalkül: Die Gesellschaften können die Zeit nutzen, um sich Kapital zu beschaffen. "Der politische Druck ist ungeheuer groß. Da laufen die Telefondrähte zu den Regulierern heiß", sagt Wall-Street-Veteran Whalen.    (FTD 24.1.08)

Wie hoch dieser weitere Schlag ins Kontor ausfällt, ist – mal wieder – kaum abzuschätzen.

Diese Unsicherheit ist ein weiteres Symptom der Strukturierungswut an den Kreditmärkten, in deren Zuge in den vergangenen Jahren Risiken auf nicht mehr durchschaubare Weise verteilt wurden. Nicht einmal das Nominalvolumen, das die Branche versichert, ist allen Marktteilnehmern bekannt. In den Medien kursieren Beträge von 2,3 bis 3,4 Billionen Dollar, das sind 3.400 Milliarden Dollar. (www.boerse.ARD.de 18.1.08)

Wer rettet denn nun die Versicherungsagenturen, wer gibt Garantien, wer Finanzspritzen?

Da muß ein echter Profi ran, der das Geschäft der Hochstapleragenturen nun in seine bewährten Hände überführen möchte. Er kennt die Sahnetörtchen unter den möglichen Kunden und meldet sein Interesse an:

„Der Einzige, der bislang Interesse an dem Geschäftsmodell angemeldet hat, ist Börsenlegende Warren Buffett, der in der Rangliste der „reichsten Männer der Welt“ gleich nach Bill Gates kommt[2]. Doch er gründete über seine Investmentfirma Berkshire Hathaway lieber selbst einen Garantiegeber. Ohne Altlasten, nur zur Absicherung von Kommunen und Städten. Er wolle nicht "die Probleme der Vergangenheit einsammeln", sagte er kürzlich in einem Interview, in dem er sich als seriöse Alternative zu den übrigen Monolinern präsentierte: "Am Ende werde ich selbst entscheiden, ob wir bei einem Geschäft einsteigen oder nicht."

Die Finanzgemeinde hofft nun, daß der Staat rettend eingreift. "Wir glauben, daß die Bedeutung dieser Institute für die Stabilität des globalen Finanzsystems zu groß ist, als daß nicht Notfallpläne vorhanden sind", schreibt die Landesbank Baden-Württemberg in einer Analyse.“ (FTD 24.1.08)

Ja, auf solche Ideen kann man aber auch nur als naiver Deutscher kommen, dessen Vorstellungskraft nicht ausreicht, die Endziele der plutokratischen Drahtzieher auch nur zu erahnen. Notfallpläne existieren allenfalls zur Rettung des eigenen plutokratischen Vermögens, falls der Hauptplan daneben geht! Warum will Geldvermehrungsprofi Buffet Kommunen und Städte rückversichern? Könnte es daran liegen, daß alle Bürger dieser Städte für die Anleihen bürgen? Daß er also bei Überschuldungen solcher Kunden die Arbeitskraft und das Vermögen der Bürger abgreifen kann?

Wie ausgebufft Buffet ist, wurde bereits im letzten Heft im Zusammenhang mit dem Samentresor in der Arktis geschildert. Der „reichste Mann der Welt“ verschenkt doch nicht ohne Hintergedanken über 30 Milliarden an die Bill & Melinda Gates Foundation, wenn diese mit Abstand größte Stiftung der Welt  nicht dieses Geld in seinem Interesse anlegen würde! Nebenbei bemerkt, finanziert die Gates-Stiftung mit 75 % die „Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung“ (GAVI).

Weitere Akteure im Globopolyspiel sind die Staatsfonds. Diese Fonds werden von Regierungen aufgelegt und dazu benutzt, in Unternehmen anderer Länder zu investieren bzw. Anteile zu erstehen, somit die internationalen Verflechtungen auszuweiten.

Dann gibt es noch die Geierfonds und die Hedgefonds...

Der weltweite Finanzmarkt ist mittlerweile so verschachtelt, die Eigentumsverhältnisse an den einzelnen Finanzierungsinstrumenten so verworren, daß planmäßig nur wenige Auserwählte noch den vollen Durchblick haben dürften. Das ganze globale Konstrukt dürfte den Sinn haben, daß man – die Gruppe der Drahtzieher – mit möglichst wenig gezielten Maßnahmen das finanzielle Luftgebäude zum lukrativen Einsturz bringen kann.

Globales Finanzdomino eben...

 



[1]              Das Geschäft der Bond-Versicherer geht auf die Siebzigerjahre zurück. Zunächst waren die Institute überwiegend für Städte und Gemeinden tätig, die Anleihen aufnehmen und diese möglichst günstig finanzieren wollten. Die Versicherer liehen dem Gemeinwesen ihre eigene AAA-Bonität aus und verlangten dafür eine Kommission. Dies ging solange gut, als nur Städte und Gemeinden abgesichert werden mußten, da diese faktisch nicht Konkurs gehen konnten. Nach und nach stiegen die Versicherer aber auch in Anleihen von Spitälern, Autobahnbetreibern und Kraftwerken ein, die bereits riskanter waren als die Städte. Dann folgten Hypotheken und forderungsbesicherte Wertpapiere, wie die Collateralized Debt Obligations (CDOs). (www.tagesanzeiger.ch 21.01.08)

[2]              Das ist überholt, er wird jetzt als die angebliche Nummer 1 mit geschätzten 62 Milliarden Dollar gehandelt!