Neues von der
„Schweinebande“[1]
Krank und kriminell – das
Gesundheitssystem
B. Ullrich
Im Januar 2009 startet die
vom Bundestag beschlossene nächste Stufe des Dauerbrenners „Gesundheitsreform“
mit dem sogenannten Gesundheitsfonds. Am 7. August 2008 berichtete die
Fernsehsendung Panorama unter dem Titel „Je kränker, desto besser – Die absurde
Logik der neuen Gesundheitsreform“, daß die Krankenkassen derzeit auf der Jagd
nach Diagnosen ihre Patientendaten durchforsten, um sich durch die Meldung von
möglichst vielen möglichst kranken Mitgliedern möglichst viel Geld aus dem
neuen Gesundheitsfonds herausnehmen zu können. Früher bekam jede Kasse die
Beiträge ihrer Mitglieder zugewiesen, wobei den bessergestellten Kassen im
Rahmen eines Risikostrukturausgleichs ein Teil ihrer Einnahmen weggenommen und
„ärmeren Kassen“, zumeist der AOK, zugeteilt wurde. Im neuen System gehen alle
Beiträge zunächst in einen großen Topf, aus dem die Kassen dann Zuteilungen
erhalten.
Während früher jede Kasse
hinter jungen, gesunden Gutverdienern her war, ist im neuen System dank
Einheitsbeitrag und Beitragseintopf nur ein kranker Versicherter für die Kassen
ein „guter Versicherter“. Nicht der Geheilte ist mehr das Ziel aller ärztlichen
Bemühungen und allen finanziellen Aufwands, sondern der chronisch Kranke, der
fortlaufende Sonderzahlungen aus dem Gemeinschaftstopf aller Versicherten
einbringt. Nun wird offizielle Politik, was schon Professor Dr. med. Dr. phil.
Klaus Dörner vor 6 Jahren im Deutschen Ärzteblatt 2002; 99: A 2462–2466 [Heft
38] unter dem Titel Gesundheitssystem: In der Fortschrittsfalle bemängelte:
„Der Wettbewerb zwingt zur
Erschließung neuer Märkte.[2] Das Ziel muß die Umwandlung
aller Gesunden in Kranke sein, also in Menschen, die sich möglichst lebenslang
sowohl chemisch-physikalisch als auch psychisch für von Experten therapeutisch,
rehabilitativ und präventiv manipulierungsbedürftig halten, um „gesund leben“
zu können. Das gelingt im Bereich der körperlichen Erkrankungen schon recht
gut, im Bereich der psychischen Störungen aber noch besser, zumal es keinen
Mangel an Theorien gibt, nach denen fast alle Menschen nicht gesund sind.“
Selbst der Gesundheitsökonom
Professor Gerd Glaeske, der das neue System namens „morbiditätsorientierter
Risiko-Strukturausgleich“, kurz Morbi-RSA[3] mit entwickelt hat, soll
angeblich inzwischen über das Ergebnis dieser Entwicklung erschrocken sein:
„Wenn jetzt dort Anreize da sind, innerhalb der GKV die Pathologisierung quasi,
also die Krankmachung in den Vordergrund zu stellen, dann wäre das ein Anreiz,
der natürlich völlig nach hinten losginge.“
Jetzt wäre eine gute Gelegenheit,
den Entstehungsort dieser gesetzlichen Neuentwicklung von Bundesgesundheits- in
Bundeskrankmachungsministerium umzutaufen!
Josef Hecken, Präsident des
Bundesversicherungsamtes, mußte zugeben: „Die Krankenkasse hat möglicherweise
einen Vorteil davon, wenn es ihr gelingt, einen Patienten, der nicht krank ist,
also einen objektiv gesunden Menschen, im Sinne des Morbi-RSA krank erscheinen
zu lassen, nur ich sage, das würde betrügerische Manipulation voraussetzen.“
In einer materialistischen
Welt, in der stets Rendite und Profit an erster Stelle kommen, ist jede Methode
recht, wenn es gilt, sich anderen gegenüber einen Vorteil zu verschaffen – vor
allem, wenn der Gesetzgeber dies durch entsprechende Weichenstellungen zuläßt
oder gar fördert. Hauen und Stechen – Neusprech: Wettbewerb – koste es die
anderen, was es wolle!
Professor Jörg Saatkamp,
Vorsitzender BKK Landesverband Bayern: „So werden Millionen Versichertendaten
auch von uns – das gebe ich offen zu – durchanalysiert. Es wird geguckt, könnte
man den – könnte man einen Zuschlag bekommen, wenn man an kleinen Schrauben
dreht. Das ist pervers, um es mal ganz offen zu sagen.“
Panorama: „Die Kassen sehen
sich in einem Boot mit den Ärzten, denn auch ihr Vergütungssystem wird ab 2009
umgestellt. Auch sie könnten dann von Kranken finanziell mehr profitieren. Ihr
Instrument: Diagnosen und Verschreibungen.“
Noch mal der Miterfinder
dieses wundersamen Geldschneidesystems, Professor Gerd Glaeske: „Der Anreiz,
mehr Patienten zu produzieren, als eine Kasse eigentlich bisher hatte, weil sie
hofft, aus dem Morbi-RSA Geld zu bekommen, ist ohne Zweifel vorhanden.“
So richtig gruselig dürfte
es werden, wenn dereinst die Krankenstatistik für das Jahr 2009 erstellt ist
und man sie mit den Zahlen aus den Vorjahren vergleicht – doch werden die
erhöhten Zahlen weniger ein Beweis sein, daß wir alle kränker geworden sind,
sondern dafür, daß das „Gesundheits“system um eine kriminelle Spielart reicher
ist!
[1] „Der Bundestag ist eine Schweinebande“ – lt. Morgenpost vom 6.3.2006, Überschrift, Lafontaine zitierend.
[2] So schrieb schon 1956 Richard Ungewitter in“ Kranke Menschen als Geldquelle“: „Vom gesunden Menschen, auch Pflanzen und Tieren, kann die chemische Großindustrie nicht leben, sie braucht die Krankmenschen“.
[3] Im Zusammenhang mit der neuen „e-Gesundheitskarte“ haben wir über den Morbi-RSA schon im Heft DEUTSCHLAND 3-4.2007 S. 61 ff berichtet