Die neue „Chancengesellschaft“

M. Winkler                www.michaelwinkler.de

Eigentlich weiß jeder, was das verheißungsvolle Wort Chancengleichheit bedeutet: Es gibt mindestens einen Gewinn, und jeder, der ein Los erwirbt, kann das Los erhalten, auf das der Gewinn entfällt. Bei einem Hütchenspieler hingegen sind die Gewinnchancen alles andere als gleich. Und wenn Sie mit einem der Klitschkos in den Boxring steigen...

Eben diese Chancengleichheit soll die „Chancengesellschaft“ verwirklichen, sagen uns die Politiker. Das neue „Leitbild“ das die „Volkspartei“ CDU in ihrem neuen Parteiprogramm propagiert, ist „die Chancengesellschaft, die zusammenhält“. „Wir bekennen uns zum Bürger, der Chancen ergreift und die Chancen der Entfaltung nutzt.“

Vor vielen, vielen Jahren hatten wir in Deutschland einmal eine Volksgemeinschaft, aber wenn Sie sich auf diese berufen, werden Sie von zweitklassigen Moderatoren aus drittklassigen Fernsehdiskussionsrunden geworfen. Volksgemeinschaften sind überholt, die neue Zeit bringt Gesellschaften mit sich.

Eine Überflußgesellschaft hatten wir mal, als die Leute nach dem Krieg die Ärmel hochgekrempelt und gearbeitet haben. Daraus hat sich eine Null-Bock-Gesellschaft entwickelt, nachdem sich die Politik der Schulbildung angenommen und alles auf das niedrigstmögliche Niveau hinuntergefahren hatte.

Mit diesen Voraussetzungen wurden die Produktionsbetriebe ins Ausland verschoben, was zur Dienstleistungsgesellschaft geführt hat, in der jeder dem anderen die Haare schneidet und keiner mehr genug Einkommen für Trinkgeld übrig hat.

Mit dem Rückzug des Staates aus seinen ursprünglichen Aufgabengebieten und der Verschiebung des Volkseigentums in private Hände mutierten wir zur Zivilgesellschaft. Dies war die Sternstunde der Nichtregierungsorganisationen NGOs, die als Schattenkabinett von den Plutokraten beliebig eingesetzt werden, wenn es gilt, unter dem Schlagwort von der „Teilhabe“ imperialistische oder wirtschaftliche Interessen zu verwirklichen.

Wenigstens hat unsere politische Führung durchgegriffen und vermieden, daß unsere Gesellschaft zu einem kollektiven Freizeitpark verkommt. Und damit wir uns den Härten des internationalen Wettbewerbs auch wirklich stellen, gibt es bei uns keine Vollkasko-Gesellschaft.

Mit der Verbreitung des Weltnetzes wandelten wir uns zur Wissens- oder Informationsgesellschaft – „Wer wird Millionär“ läßt grüßen. Wenn Sie an der richtigen Stelle ein paar doofe Fragen beantworten, also Dinge wissen, die sonst keinen interessieren, bekommen Sie einen Haufen Geld dafür. Und wenn nicht Sie, dann der Moderator, denn der kassiert immer. Mit ein paar Mausklicks können Sie alles über alles und jeden herausfinden. Wenn Sie es können, natürlich. Denn Wissen in der Informationsgesellschaft ist ein herrschaftliches Gut, an das nur Experten gelangen. Alle anderen Mitgesellschafter bekommen ihr Wissen vorsortiert.

Und nun, zum Hohn und Spott all derer, die im groblöchrig gewordenen „sozialen Netz“ keinen Halt mehr finden, die erwerbs- und hoffnungslos in eine trostlose Zukunft blicken, die unter Lohn- und Rentenkürzungen leiden und dabei immer höhere Abgaben schultern müssen, wird die Chancengesellschaft propagiert.

Aber was besagt denn nun diese „Chancengesellschaft“ überhaupt?

Jeder muß die gleichen Chancen haben, sich so zu verwirklichen, wie es seinen Anlagen und Fähigkeiten entspricht. Diese freie Entfaltung gelingt nur in der Gemeinschaft und fördert zugleich den Zusammenhalt der Gesellschaft, die so zur Chancengesellschaft wird.

Haben Sie das verstanden? Ja? Oh... Dann dürften Sie einen gehobenen Parteiposten inne haben, sind Redenschreiber eines Politikers oder Ministerialrat in einem einschlägigen Ministerium.

Für die weniger Glücklichen, die sich wie ich durch den Sinn der Worte kämpfen, möchte ich diese wunderbaren Sätze analysieren.

Das wichtigste Wort ist natürlich die Chance, also die Gelegenheit. Jeder soll die Gelegenheit haben, in dieser großen Lotterie, sich zu verwirklichen. Dieses letzte Wort ist schönfärberischer Dummsprech für „sich durchsetzen“, also seine eigenen Egoismen den Mitmenschen aufzwingen. Diese Durchsetzung soll Ihren Anlagen und Fähigkeiten entsprechen. Anlagen kennen Sie vor allem aus dem Finanzwesen. Wer genug Geld zum Anlegen hat, kann sich fast immer durchsetzen. Und Fähigkeiten müssen Sie sowieso mitbringen. Zu den elementaren Fähigkeiten gehört beispielsweise, in die richtige Partei einzutreten.

Man möchte Ihnen folglich die Möglichkeit einräumen, sich so durchzusetzen, wie es die Geldanlagen Ihres Vaters erlauben – und Ihre Fähigkeiten, die richtigen Leute kennenzulernen, die Sie dann wirklich weiterbringen.

Ich gebe zu, das klingt nicht mehr ganz so schön. In der Chancengesellschaft ist nämlich nicht die Rede davon, Ihre Anlagen zu fördern und die Fähigkeiten auszubilden. Das ist Ihre Sache. Deshalb darf ein alternder Tennisstar, der keinen zusammenhängenden Satz formulieren kann, ein Buch nach dem anderen schreiben, während ausgebildete Germanisten als Möbelpacker arbeiten. Diese Leute haben halt nicht die Fähigkeiten, die richtigen Leute zu treffen.

Von der freien Entfaltung spricht man ebenfalls gerne, wenn es darum geht, sich auf Kosten Dritter zu profilieren. Das gelingt natürlich nur in der Gemeinschaft, weil nur dort die erforderlichen Opfer vorhanden sind. An den Opfern hält man unbedingt fest, deshalb fördert die freie Entfaltung einiger Weniger den Zusammenhalt, weil alle Anderen gegen die Wand gedrängt werden. Das Ergebnis heißt dann glücklich Chancengesellschaft.

Die CDU hat natürlich kein Monopol auf diese wunderbare Chancengesellschaft. Rudolfo bin Baden, vormals als Rudolf Scharping zeitweiliger Verteidigungsminister und SPD-Vorsitzender, hat das im August 2001 unter dem Titel „Halbzeit in der programmatischen Neubesinnung der Sozialdemokratie“ so formuliert:

...In diesem Verständnis eines engen Wechselverhältnisses von Solidarität, Gerechtigkeit und Freiheit wollen wir eine moderne Chancengesellschaft schaffen. Das hat nichts mit Gleichmacherei zu tun - im Gegenteil: Wir setzen auf Vielfalt und kreativen Wettbewerb, auf Emanzipation, Teilhabe und Verantwortungsbewußtsein. Im Konzept der Chancengesellschaft kommen der Vorrang der Freiheit und die Ausrichtung auf Gerechtigkeit zusammen. ...Die Antwort darauf liegt im Projekt der Chancengesellschaft. In ihm verbinden sich Freiheitsrechte, aber auch Verpflichtungen des Individuums gegenüber der Gesellschaft mit der solidarischen Verantwortung der Gesellschaft für die Freiheit des Einzelnen.

Im Begriff der Chancengesellschaft wird die innere Verbindung von Freiheit und Gerechtigkeit deutlich. Wir verlagern den Akzent von den erstrebten Ergebnissen auf die Nutzung der angebotenen Chancen und auf Vorsorge und Gestaltung statt auf Nachsorge und Reparatur. Ins Zentrum rücken die Chancen, auch die zweite und dritte Chance für einen erneuten Start: Wir erstreben mehr Bildung und Qualifikation, ebenso Beratung und Hilfe. Das ist kein Rückzug der Politik aus der Verantwortung, wohl aber eine Verlagerung der Schwerpunkte und eine höhere Qualität von Partizipation...“

Vollblutpolitiker schaffen es, durch Aneinanderreihung sinnschwerer Worte ein sinnentleertes sowohl – als auch zu konstruieren, in dem jeder alles findet und bei Bedarf auch das Gegenteil. Schauen wir lieber einmal darauf, was das ach so tolle Angebot „unserer“ Politiker nicht enthält:

Keiner spricht von Arbeitsplätzen für alle, sondern nur die „Chance“, sich durch Nutzung aller möglichen Bildungsangebote für einen der weniger werdenden Arbeitsplätze zu qualifizieren. Wobei die Chance immer das Risiko enthält, sich falsch oder unzureichend zu qualifizieren. Aber das ist Ihr Problem, Sie erhalten gerne noch eine zweite oder dritte Chance, wieder das Falsche zu lernen.

Es bedeutet, daß für Kranke immer mehr Leistungen gestrichen werden, während Vorsorgeuntersuchungen und Durchimpfungen gefördert werden, die man Ihnen als Chance auf Erhaltung der Gesundheit verkauft. Sie haben ja immer die Möglichkeit, nicht krank zu werden. Wieso soll man Ihnen helfen, nur weil Sie das einfach nicht schaffen? So, jetzt zahlen Sie 10 Euro Praxisgebühr für diese Auskunft und halten den Betrieb nicht länger auf, das Wartezimmer ist voll.

Es bedeutet, daß unsere Renten zwar schrumpfen werden, wir aber die Chance der privaten Altersvorsorge erhalten. Sie wissen ja, der Finanzmarkt steckt voller Chancen. Wären Sie bei der Telekom rechtzeitig ein- und wieder ausgestiegen, Sie hätten Ihr Geld locker vervierfacht. Und bei em.tv sogar verzehnfacht... Wenn Sie die vielfältigen Chancen nicht nutzen, ist das Ihre Sache. Dann riestern Sie eben – und hoffen, daß dieser Staat in 30 Jahren noch existiert und von Ihrem angesparten Geld noch etwas übrig ist.

Im Zuge der „Schaffung gleicher Chancen“ wurde das Antidiskriminierungs-/Gleichschaltungsgesetz verabschiedet. Darin wird festgelegt, nach welchen Gesichtspunkten man sich, entgegen der bisher geltenden Vertragsfreiheit, seine zukünftigen Mitarbeiter oder Mieter nur noch auswählen darf. Selbstverständlich dürfen aber laut diesem Gesetz fördernswerte Minderheiten „positiv diskriminiert“, mithin bevorzugt, werden, damit ihre Chancengleichheit erhöht wird. Sie haben doch nichts gegen einen Ausländer mit Großfamilie, der kaum Deutsch spricht und wegen Körperverletzung und Raubüberfällen mehrfach vorbestraft ist? Keine Sorge, in Ihrem Haus (als Vermieter) oder Betrieb (als Arbeitgeber) wird der ganz schnell seine 35. Chance nutzen und ein wertvolles Mitglied dieser Chancengesellschaft werden.

Und wer seine Chancen nicht nutzt – tja, der hat eben Pech gehabt. Es gibt schließlich auch die Verlierer, mit den falschen Anlagen und Fähigkeiten. Es kann eben nicht jeder beim Staat oder gleich bei Bertelsmann bzw. McKinsey beschäftigt sein, um den anderen Teil zu beraten, auszubilden und darin zu schulen, irgendwelche Chancen wahrzunehmen. Als Lokomotivführer können Sie so lange streiken, wie Sie wollen, es gibt keine 30%. Als Bahnvorstand hingegen sind 60% mehr Gehalt nicht der Rede wert – völlig ohne Streik.

Eine wirkliche Chancengesellschaft sorgt dafür, daß jeder einzelne seine Fähigkeiten bestmöglich ausbilden kann, um anschließend die zahlreichen Gelegenheiten zu nutzen, die sich ihm bieten, zum Wohle der Gesellschaft zu arbeiten. Wenn Bildung vom Geldbeutel der Eltern und dem Zugang zu Privatschulen abhängt, werden Chancen nicht geboten, sondern ganz gezielt verweigert. Wenn gutes Geld nicht für gute Arbeit bezahlt wird, sondern dafür, daß man als Manager möglichst viele Leute rauswirft und die Arbeitsplätze ins Ausland verlagert, wird die Gesellschaft nicht zusammengeführt, sondern in Gewinner und Verlierer aufgeteilt – wobei die Verlierer immer mehr und die Gewinner immer weniger werden.

In der Politik erklärt man uns gerne, daß alles so fair abläuft, wie bei einer Lotterie. Allerdings soll der Bessere gewinnen, deshalb sei wohl der Boxring das bessere Bild. Aber in Wahrheit nehmen wir an einem Hütchenspiel teil, bei dem immer nur der gewinnen wird, der auch gewinnen soll – und der die Regeln bestimmt.

Chancengleichheit ist eine Vokabel, die gerne hervorgeholt und auf die Fahnen geschrieben wird, wenn es diese Chancen nur für Wenige gibt. Wenn die Führung von Gerechtigkeit spricht, die zu schaffen sei, dann sagt das eindeutig, daß es diese Gerechtigkeit derzeit nicht gibt.

Nicht der Einheimische, der mit einem gewissen Aufwand an Kosten qualifiziert werden müßte, erhält die Chance, sondern der Fremde, der erst ins Land geholt wird, um dann, wenn er nicht mehr gebraucht wird, in ein noch größeres Nichts zu fallen.

Die Chancengesellschaft, die man uns anpreisen möchte, ist in Wirklichkeit eine Gesellschaft, die immer mehr Menschen aller Chancen beraubt. Die einzige Chance, die dieser heutige Staat noch bietet, ist der Ein-Euro-Job, als Zubrot für Hartz IV, weil die Wirtschaft reguläre Arbeitsplätze im Zuge der Gewinnmaximierung nicht mehr bezahlen möchte.

Damit ergibt sich die Kombination aus Lotterie und Hütchenspiel, die diese Gesellschaft uns heute bietet: Die wenigen Lose, die den Hauptgewinn bieten, werden nur ausgewählten Leuten verkauft. Ein paar Leute mehr erhalten die Lose, die wenigstens noch die Chance auf einen richtigen Gewinn bieten. Für die Mehrzahl aller Leute gibt es die Nieten – und bestenfalls einen Trostpreis. Und jetzt – zögern Sie nicht, kaufen Sie ein Los! Das beste Los, das Sie dank Ihrer Anlagen und Fähigkeiten verkauft bekommen.

Die Welt ist ja so voller Chancen...